Bedarf hier, Angst dort

Christian Gruber und dpa

Von Christian Gruber & dpa

Mi, 13. März 2019

Gesundheit & Ernährung

Die neue Mobilfunktechnik 5G soll deutlich schnellere Datenübertragung bieten / Wie gefährlich ist sie? /.

Versprochen wird viel. Wer ein LTE-Paket fürs Smartphone bucht, soll bis zu 500 Mbit pro Sekunde an Daten übertragen können. Der neue Mobilfunkstandard 5G werde Geschwindigkeiten bis zu 20 000 Mbit erreichen, heißt es. Damit lassen sich Autos vernetzen, das Wohnhaus von der Karibik aus steuern oder man kann per Datenbrille auf dem Einhorn durch den Stadtpark reiten. Oder so.

Die Realität des allumfassenden Verbundenseins sieht meist etwas anders aus. Der Durchschnitt heutiger LTE-Netze liegt bundesweit bei etwa 40 Mbit. Auch um diese Untergrenze in der Fläche anzuheben, brauche es die neue, schnellere 5G-Technik, argumentieren die Befürworter.

Die 5G-Frequenzen, die ab dem 19. März versteigert werden sollen, sind für eine flächendeckende Versorgung allerdings denkbar ungeeignet. Denn es geht um 41 Frequenzblöcke, die keine großen Reichweiten haben. Kritiker haben daher bereits das Bild an die Wand gemalt, dass es zigtausende neuer Funkmasten brauche, um ganz Deutschland mit 5G zu versorgen. Das Bundesinstitut für Strahlenschutz (BfS) fordert einen "umsichtigen Ausbau".

Der kommerzielle Erfolg von 5G hängt auch an der Akzeptanz in der Bevölkerung. Laut der Suchtrends von Google gehören "5G gefährlich" oder "5G netz gefährlich" zu den besonders häufigen Suchanfragen im Zusammenhang mit 5G. Umfragen zufolge grassiert bei rund einem Drittel der Deutschen eine Mischung aus Unwohlsein und Angst. Etwa zehn Prozent glauben bereits heute, Opfer von Elektrosmog zu sein, und klagen etwa über Kopfschmerzen und Schlafprobleme. Wissenschaftlich erhärten konnte dieses subjektive Empfinden bislang niemand: Wussten die Versuchsteilnehmer im Labor nicht, wann die Funknetze eingeschaltet waren, stellten sich ihre Beschwerden auch dann ein, wenn überhaupt kein Sender strahlte – und umgekehrt.

Handys verbinden sich mit dem Internet über Mobilfunknetze und W-LAN. Dabei entstehen Mikrowellen, hochfrequente elektromagnetische Felder – und die können Auswirkungen auf Menschen haben. Gerät ein Körper in dieses Feld, kann sich das Gewebe erwärmen. Die internationale Strahlenschutzkommission (ICNIRP) definiert eine Leistung von vier Watt pro Kilogramm Körpergewicht als Wirkungsschwelle – ab dann ist eine biologische Veränderung messbar. Bei dieser Dosis erwärmt sich ein Körper innerhalb einer halben Stunde um ein Grad. Da Funkmasten anders als Handys den ganzen Körper bestrahlen, gilt hier ein "Ganzkörpergrenzwert" von 0,08 Watt pro Kilogramm.

Den oft erwähnten SAR-Wert – die spezifische Absorptionsrate – von Handys ermitteln die Hersteller nach selbst festgelegten Standards an einem mit Flüssigkeit gefüllten Kunststoffkopf. Dabei wird gemessen, wie viel Energie des elektromagnetischen Feldes in Wärme umgewandelt wird. Für Handys liegt der erlaubte Grenzwert in Deutschland bei zwei Watt pro Kilogramm. Das unterschreiten die neueren Geräte meistens deutlich.

Wichtig ist der SAR-Wert vor allem dann, wenn man das Mobiltelefon direkt an der Haut hat – oder in der Hosentasche trägt: Bei Männern etwa kann ein sich ständig aufwärmendes Gerät womöglich den Spermien schaden, die im Hoden kühl gehalten werden. Schon wenige Zentimeter vom Körper entfernt sinkt der SAR-Wert aber drastisch – und erst recht beim Nachrichtenschreiben auf dem Handy.

Die Strahlungsdosis durch LTE wird geringer veranschlagt als die der älteren Standards 3G oder 2G. Doch wie sieht es beim schnellen 5G aus? Die 5G-Frequenzen, die nun versteigert werden, liegen bei 2,0, bei 3,6 und 3,7 Gigahertz. "Also weitestgehend in den Frequenzbereichen, die wir vom jetzigen Mobilfunk kennen und die bereits gut erforscht sind", sagt die Sprecherin des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Nicole Meßmer. "Perspektivisch sollen aber höhere Frequenzen im Bereich um 26 Gigahertz genutzt werden und die sind zum jetzigen Zeitpunkt wenig erforscht."

Offene Fragen sieht das Bundesamt auch bei der Installation neuer Mobilfunkanlagen. "Hier gibt es mehrere gegenläufige Effekte." Es würden zwar mehr Sender installiert, die aber eine geringere Sendeleistung hätten. Diese würden allerdings näher an Orten betrieben, an denen sich Menschen aufhalten. "Wie sich das dann auswirkt, wie hoch die Strahlung sein wird, der jeder Einzelne ausgesetzt ist, ist im Moment schwierig abzusehen."

Die Pläne befeuern die Angst vor gesundheitlichen Schäden, vor allem weil immer wieder Meldungen kursieren, die Wissenschaft habe Beweise dafür gefunden, dass UMTS, LTE, W-LAN und Co. Tumore entstehen lassen. Tatsächlich hat die internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, Hochfrequenzstrahlung 2011 als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Doch das BfS kam nach Auswertung der Studienlage zu dem Ergebnis, dass Erwachsene nach derzeitigem Stand der Forschung kein erhöhtes Tumorrisiko haben, wenn sie ihr Smartphone nutzen.

Diese Uneinigkeit hängt mit den nicht eindeutigen Studienergebnissen zusammen. So hat eine 2016 veröffentlichte Studie die australischen Krebsregister von 1982 bis 2012 durchforstet – im Jahr 1987 kam das Handy auf den Markt. Fast 20 000 Männer und mehr als 14 000 Frauen zwischen 20 und 84 Jahren wurden erfasst. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren hätten die Tumorraten deutlich ansteigen müssen, wenn die Strahlung massiv in den Organismus eingreife, so die Überlegungen der Forscher.

"Aber", wie die Experten im Fachblatt Cancer Epidemiology schreiben, "wir fanden keine Zunahme bei der Häufigkeit der Gehirntumoren, die dem deutlichen Anstieg der Mobilfunk-Nutzung entsprochen hätte". Womöglich, wenden Kritiker ein, sei die Studie zu früh gemacht worden und könne die Langzeitschäden noch gar nicht abbilden.

2018 wurde eine groß angelegte Untersuchung des National Toxicology Programs des US-Gesundheitsministeriums veröffentlicht, die tatsächlich Effekte entdeckte. Die als solide geltende Arbeit setzte Ratten und Mäuse bis zu zwei Jahre – also lebenslang – hochfrequenter Strahlung aus. Täglich wurden die Tiere 18 Stunden mit Mikrowellen verschiedener Intensität bestrahlt – zehn Minuten Bestrahlen, zehn Minuten Pause. Das entspricht einer Funkmasteinwirkung auf den Körper von neun Stunden und ist viel mehr, als der SAR-Grenzwert beim Menschen zulässt.

Die Studienlage ist

uneindeutig

Ergebnis: "Ein klarer Beleg für das Entstehen von Tumoren im Herzen der männlichen Ratten", heißt es auf der Homepage des National Toxicology Programs. "Ein schwacher Nachweis für das Entstehen von Gehirntumoren bei männlichen Ratten. Ein schwacher Nachweis für Tumore in der Nebenniere männlicher Ratten." Die Wucherungen in Herz und Hirn waren der Erhebung zufolge bösartig, die Veränderungen in der Nebenniere gutartig. Unklare bis keine Befunde ergaben sich bei den weiblichen Ratten und bei den Mäusen.

Zwei Schwachpunkte hat die US-Studie: Die unbestrahlten männlichen Ratten, deren Gehirne und Herzen nicht verändert waren, starben vor den bestrahlten Tieren. Insofern kann man auch argumentieren, dass der Krebs bei den älteren Tieren, die in den Mikrowellen badeten, mehr Zeit hatte, sich zu entwickeln. Und, der andere Einwand: Das Szenario, dem die Nager im Labor ausgesetzt waren, bildet den menschlichen Mobilfunk-Alltag nicht realistisch ab.

Inzwischen hat ein deutsches Team um den Biologen Alexander Lerchl von der Jacobs University in Bremen zeigen können, dass der UMTS-Mobilfunkstandard bei Mäusen Tumore auch dann nicht begünstigt, wenn man den Tieren zuerst ein stark krebserregendes Gift verabreicht und sie dann im Labor mit Funk bestrahlt. Das sei auch nicht zu erwarten gewesen, wenn man bedenke, dass die durch UMTS vom Gewebe aufgenommene Quantenenergie eine Million mal zu gering sei, "um chemische Bindungen aufzubrechen und somit die DNA schädigen zu können", wie Lerchl in seinem Abschlussbericht für das BfS erklärt.

Allerdings hat sich in der Studie ein anderer Zusammenhang gezeigt: Der Tumor, den die Mäuse durch das Gift bereits entwickelt hatten, wuchs schneller, wenn sie den Funkwellen ausgesetzt waren. Es sei aber unklar, ob die Ursache tatsächlich die Strahlung sei, sagt Lerchl. Das müsse weiter untersucht werden.