West Cork in Irland

"In diesem Frühling ist alles anders": Stillstand am Rande Europas

Stefan Schnebelt

Von Stefan Schnebelt

Fr, 15. Mai 2020 um 19:00 Uhr

Reise

West Cork ist eigentlich ein Irland-Idyll wie aus dem Bilderbuch, doch gerade ist vornehmlich Corona-Angst spürbar. Wie deutsche Teilzeit-Auswanderer und ihre Nachbarn den Pandemie-Alltag erleben.

Den irischen Frühling hatten wir uns anders vorgestellt. Die satten Farben der Landschaft wollten wir aufsaugen, ausgedehnte Fototouren in dem Land am westlichen Ende des Kontinents unternehmen, am Wochenende fröhliche Grillfeste feiern. Dann kam Corona dazwischen.

Statt Ausflug: Stillstand

Auch am Rande Europas hat das Coronavirus einschneidende Folgen für das Leben der Menschen. Die Iren reagieren darauf mit einer Mischung aus Gelassenheit, Gottvertrauen und feinem Humor. Und sie sind sich trotz der gebotenen physischen Distanz ganz nah.

Besucher finden in unserer Teilzeitheimat in West Cork ein Irland-Idyll wie aus dem Bilderbuch. Sanft geschwungene grüne Hügel, eine schroffe Küste mit kleinen Häfen und majestätischen Leuchttürmen sowie den vorgelagerten Inseln der Roaringwater Bay, auf denen viele alte Traditionen im Einklang mit der modernen Zeit überdauern. Das alles macht West Cork zu einem beliebten Reiseziel.

West Cork ist unsere Teilzeitheimat

Unser kleines Häuschen bei der Landspitze Toe Head liegt rund zehn Fahrminuten südlich von Skibbereen am Meer. Bei einem Spaziergang entlang der Klippen von Toe Head kann man häufig Seehunde bei ihren abenteuerlichen Streifzügen in den Fluten des Atlantiks beobachten. Besonders spannend wird es im Herbst, wenn aus den Seehöhlen die Rufe der neugeborenen Robben ertönen. Auch für seine Lebensart und das gute Essen ist West Cork bekannt. Einmal im Jahr lädt die Region zu einem Taste-of-West-Cork-Festival ein. In vielen Dörfern und Städten finden dann bunte Straßenmärkte, Workshops und Kochvorführungen statt.

Leben ohne Pub: Die lokalen Maßnahmen sind streng

Doch in diesem Frühling ist es gespenstisch ruhig, und die Covid-19-Pandemie legt das Leben auch in West Cork lahm. Die staatlichen Restriktionen sind streng. Zur Arbeit darf nur, wer im Gesundheitswesen oder in der Lebensmittelbranche tätig ist. Der Radius für Aufenthalte außerhalb der eigenen vier Wände beträgt maximal fünf Kilometer. Ansonsten gilt Ausgangssperre. Flug- und Fährverbindungen sind eingestellt. Die sonst so weltoffene Insel schottet sich ab – an den Grenzen und im Landesinnern.

"Social distancing" – Abstand halten also, ist das Gebot der Stunde. Das allein ist für die redseligen und kontaktfreudigen Iren schon eine harte Herausforderung. Dass aber auch die Pubs geschlossen sind – der Ort für Begegnungen schlechthin – erschüttert die Iren bis ins Mark. Nun trifft man sich eben auf der fast autofreien Straße, wo man sich nach dem anfänglichen Austausch einiger Floskeln trotz der gebotenen Distanz rasch näher kommt. Und so mündet die Mischung aus Neugierde und Mitteilungsbedürfnis mitunter in einem längeren Schwätzchen.

Kontakte zu den Nachbarn verstärken sich

Auf diese Weise lernen wir derzeit die Menschen aus der Nachbarschaft besser kennen – und ihre Sorgen in Zeiten der Krise. Martina zum Beispiel interessiert sich eingehend für unseren Internetprovider: Ist der Service zuverlässig? Sie wohnt mit ihrer Familie draußen am Toe Head. Als Lehrerin unterrichtet sie aus der Ferne – online. Irland ist in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt, viele Schüler lernen derzeit in virtuellen Klassenzimmern. Martina fürchtet einen Abbruch der Internetverbindung. Wie berechtigt ihre Sorge war, erfahren wir wenige Tage später: Unvermittelt sind wir einige Stunden komplett ohne Strom. Telefonisch Hilfe anfordern funktioniert nicht, da die Handys in unserer Ecke keinen Empfang haben. Im Normalfall genießen wir es, nicht erreichbar zu sein. Jetzt wirkt die Abgeschiedenheit bedrohlich.

Guillaume geht in Selbstisolation

Ablenkung vom Blackout verspricht ein Gang bei schönstem Wetter auf die Straße. Dort treffe ich Guillaume, einen Koch aus Frankreich. Seit das Hotel in der Stadt wegen Corona geschlossen ist, hat er keine Arbeit mehr. Er erzählt mir, dass die Gesundheitsbehörde das Hotel nun als Quarantänestation nutzt und ihm anbot, für die Leute dort zu kochen. Doch die Situation vor Ort war für Guillaume ein hygienischer Albtraum. Die Angst vor einer Ansteckung überwog die Aussicht auf einen Verdienst. Guillaume wählte die Selbstisolation.

Ein Stück die Straße hoch betreiben Geraldine und Dan eine Farm. Für Dan ist trotz Pandemie "business as usual" angesagt. Als Farmer darf er wie gewohnt seiner Arbeit nachgehen, denn mit seiner Viehwirtschaft trägt er zur Versorgung der Bevölkerung bei. Wenn man ihn auf dem Traktor über seine Weiden fahren sieht, strahlt das etwas Beruhigendes aus. Alles scheint wie immer. Auch Geraldine ist zuversichtlich. Es umtreibt sie einzig das Kommunionkleid, das sie für ihre Enkelin genäht hat. Denn wann sie es tragen kann und ob es dann noch passt, ist derzeit völlig offen.

M.C. liefert Milch "for nothing"

Auf der Farm von M. C. (abgekürzte Vornamen sind ein beliebter Tick der Iren – wir nennen solche Abkürzungen scherzhaft "Künstlername") auf dem Hügel gegenüber läuft es nicht so gut wie bei Dan. Hier wird ausschließlich Milchwirtschaft betrieben. Wegen der Pandemie ist der bisherige Hauptabnehmer weggebrochen, der vor allem im Export aktiv war. M.C. liefert seine Milch nun an die lokale Molkerei. Was sie bezahlt, reicht knapp, damit der Betrieb über die Runden kommt. Der Landwirt müht sich von früh morgens bis in die Nacht hinein ab "for nothing", wie er sagt – für nichts. Schon ganz im Modus der Ausgangssperre trägt seine Frau Annemarie noch mittags um zwei ihren violetten Plüsch-Bademantel. Wir kondolieren ihr, einige Tage zuvor verstarb ihre Mutter.

Annemarie pflanzt einen Baum

Annemarie zeigt uns ein Bäumchen, das sie im Gedenken an ihre Mutter demnächst im Garten pflanzen wird. Der Baum wird jedes Jahr im Mai blühen, wenn ihre Mutter Geburtstag hätte, sagt sie.

Und dann erfahren wir die Geschichte zu jedem einzelnen Baum im Garten, die alle in Gedenken an einen besonderen Menschen gepflanzt wurden. Am schönsten ist die Geschichte einer etwas kümmerlichen Esche, die an einen älteren alleinstehenden Mann von Toe Head erinnert. Er hatte zu Lebzeiten öfters auf einen kleinen Jungen aufgepasst. Als der Alte starb, wollte ihm der gerade einmal Vierjährige ein Denkmal setzen und suchte auf dem Markt in Bantry einen Baum für ihn aus.

Vicky und Barry müssen umräumen

Zum Haus unserer Nachbarn zur Linken, Vicky und Barry, sind es rund 600 Meter. Vicky ist eine Frau mit erfrischendem Pragmatismus: "Ich finde es phantastisch, wenn ihr ohne Voranmeldung auf Besuch kommt. Dann muss ich nicht extra aufräumen!" Die beiden handeln mit Antiquitäten. Ihre Kunden finden sie auf Wochen- und Flohmärkten. Weil es seit Wochen aufgrund des Versammlungsverbots keine Märkte mehr gibt, fehlen die Einkünfte. Kosten fallen weiterhin an. Vicky und Barry müssen den Gürtel enger schnallen und eine von zwei Lagerhallen in der Stadt kündigen. Als Ausweichlager soll die vollgestopfte heimische Garage dienen, die aber erst einmal geordnet werden müsste. Während Vicky davon erzählt, scheint sie zu überlegen, ob sich ein solcher Aufwand wirklich lohnt. "Wir müssen dringend das Virus loswerden", sagt sie und fuchtelt mit den Händen, als verscheuche sie ein lästiges Insekt.

P.J. traut sich nicht mehr in die Stadt

Das kleine Cottage uns gegenüber wurde erst neulich von Siobhan aus Dublin als Ferienhaus gekauft. Sie habe sich Hals über Kopf in das Häuschen und die Gegend verliebt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sie wieder hierher kommen darf. Ein Stück die Straße hoch befindet sich auf Siobhans Straßenseite das Haus von P. J. (noch ein "Künstlername"). Der ältere Mann lebt hier alleine. Vor der Krise hielten wir ihn für äußerst kontaktscheu. In diesen Tagen läuft er mehrmals täglich mit greller Warnweste bekleidet die Straße hinunter zum Strand, stoppt vor den wenigen Häusern und wartet darauf, dass jemand vor die Tür tritt, mit dem er sich unterhalten kann. Er berichtet, dass seine Söhne von London nach Irland reisten, um ihn zu besuchen. Allerdings mussten sie sich direkt in Quarantäne begeben. Wann er sie wiedersehen wird, weiß er nicht. Außerdem traut er sich nicht mehr in die Stadt. Lebensmittel lässt er sich direkt vor die Haustür liefern. Voller Stolz erzählt er uns von den Schätzen, die in seinem Gewächshaus gedeihen und freut sich darauf, uns alles zu zeigen – wenn die Krise vorbei ist.

Grillen mit Pam und Ian war einmal ein Ritual

Fuchsienhecken und Trockenmauern wie auf einer Postkarte trennen uns vom Nachbargrundstück zur Rechten. Pam und Ian wohnen hier. Als wir vergangenes Jahr neu ankamen, hieß uns als erster Nala willkommen, der Kater der Nachbarn. Von der Ankunft bis zum ersten Barbecue mit den Nachbarn dauerte es nicht lange. Den Frühling und Sommer über wurden die Grillzusammenkünfte zum festen Ritual. Die Frage war nicht mehr: "Grillen wir am Wochenende?" Sondern: "Was grillen wir am Wochenende?"

In diesem Frühling ist alles anders. Pam und Ian haben Ende März wegen der Pandemie ihre Jobs verloren und sind nun ständig Zuhause. Bliebe eigentlich mehr Zeit, um sich öfter zu sehen, könnte man meinen. Doch die Vorgaben verbieten Treffen mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts. Wir halten uns daran. So unterhalten wir uns derzeit über die Mauer hinweg oder tauschen uns auf der Straße aus. Ein unbeschwertes Barbecue, wie es die Iren so lieben, hätten wir alle bitter nötig.

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