Niklas Arneggers Wochenschau

SALTO RÜCKWÄRTS: Häschen in der Muffengrube

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Sa, 10. Oktober 2020

Satire

Freiburg hat mal wieder einen Nobelpreis gewonnen. Schließlich hat Preisträger Reinhard Genzel vor 50 Jahren am Berthold-Gymnasium sein Abi gemacht. Genzel hat sich mit den Schwarzen Löchern herumgeschlagen. Das sind, um es den Laien unter unseren Leserinnen und Lesern punktgenau zu erklären, gequetschte Massen, in denen gekrümmte Lichtstrahlen herumfuhrwerken und die Zeit stillsteht.

Genzels Lebenswerk erklärt einige bisher rätselhafte Erscheinungen der Freiburger Kommunalpolitik. Ein Beispiel ist das neue Eisstadion, das in einem Schwarzen Loch verschwunden ist. Sportdezernent Breiter sagte: "Wir können nur auf Zeit spielen." Immerhin: Da die Zeit an der Obergrenze des Schwarzen Loches stillsteht und brav abwartet, bis mal wieder Geld im städtischen Haushalt zur Verfügung steht, braucht es nichts als Geduld. Irgendwann sollten die Gravitationsfelder wieder Steuergelder, äh, köstliche Früchte erzeugen. Bis aber diese Kuh vom Eis ist, dürfte noch viel Zeit im Schwarzen Loch verschwunden sein. Übrigens: Badenova buddelt entlang der Dreisam derzeit Vertiefungen ins Erdreich. Sie behauptet, es handle sich um Muffengruben. "Muffengruben" – so ein Quatsch. Tatsächlich suchen die dort nach Schwarzen Löchern. Auch gewinnt hier das alte Kinderlied "Häschen in der Muffengrube saß und schlief" ein ganz neues Zeit-Raum-Kontinuum.

Genzel hat auch eine Teilzeit-Professur an der Uni Berkeley. Als Nobelpreisträger steht ihm dort ein freier Parkplatz zu. Das ist sein Hauptgewinn, höher zu achten als der Nobelpreis selbst, so umständlich es sein mag, abends von Kalifornien zur heimischen Haustür zu gelangen. Denn in München sind alle freien Parkplätze von SUV-Monstern zugestellt auf ewig. Da kann sich die Zeit krümmen, wie sie will, und selbst Genzel hat keine Chance.

Insofern könnte Freiburg seinem Ex-Abiturienten einen Gefallen tun und ihm eine deutlich näher gelegene Parkmöglichkeit anbieten. Nämlich einen kostenlosen Anwohnerparkplatz. Allerdings werden die Berechtigungsscheine dafür zumindest für Nichtnobelpreisträger*innen teurer, so dass Einsteins allgemeine Anwohnerparkplatzrelativitätstheorie, mit der er die Parkplatzsuche samt Zeitkrümmung mathematisch erklärt hat, in neue Dimensionen vorstößt.

Dazu kommt, dass es der Stadtverwaltung erstmals in der Geschichte der Naturwissenschaft gelungen ist, etwas aus einem Schwarzen Loch, also einer Muffengrube, wieder rauszuholen – ein seinerseits nobelpreisverdächtiges Unterfangen. Daran hat das Garten- und Tiefbauamt 15 Jahre lang gearbeitet. Es geht darum, Parkgebühren mit dem Handy bezahlen zu können. Experten halten es für möglich, dass es noch zu Lebzeiten Genzels dazu kommt. Da dieser aber sowieso einen kostenlosen Anwohnerparkplatz kriegt, geht ihn dies nichts an.

Zuletzt: Genzel hat seine naturwissenschaftliche Basis mit Latein und Altgriechisch erworben. Mittlerweile hat das humanistische Berthold-Gymnasium ein naturwissenschaftliches Profil eingeführt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Genzel dies seinerzeit hätte wählen können. Er würde sich heute wahrscheinlich nicht mit extraterrestrischer Physik herumschlagen, sondern wäre Nobelpreisträger für Literatur und bekannt für seine intraterrestrischen, feinfühligen Gedichte.