Niklas Arneggers Wochenschau

SALTO RÜCKWÄRTS: Warten aufs Ministerium

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Sa, 14. November 2020

Satire

Man lernt nie aus, behauptet der Volksmund. Womöglich sieht er das ein bisschen zu optimistisch. Immerhin: Erst gestern lernten wir, dass es in Freiburg Gleditschien gibt. Hä? Gleditschien? Hat das was mit der Sparkasse zu tun? Kreditschele? Oder liegen da Buchstabendreher und Rechtschreibschwächen vor, und es handelt sich um Geldscheine? Aber wo! Gleditschien sind Bäume.

Sie handelt sich, wie uns unsere in alle fünf Kontinente (ohne die Antarktis) gesandten Rechercheure berichtet haben, um eine Pflanzengattung aus der Unterfamilie der Johannisbrotgewächse, den Caesalpiniodeae, wie wir, mittlerweile Gleditschienkenner, erfahren durften. Na also!

Gleditschien gibt es auch in Freiburg, und weshalb sie vor 30, 40 Jahren gepflanzt wurden, weiß heute keiner mehr. Tempus fugit, die Zeit flieht, sagt dazu der Lateiner. Diese Gleditschien verfügen über Büschel dolchartiger Dornen, mit denen sie sich vor Fressfeinden schützen. Aber auch vor Spaziergängern und Radfahrern, weshalb diese Dolche nun abgeschnitten wurden. Gut, immerhin das wissen wir jetzt.

Was der oben zitierte Volksmund kurz und knackig formuliert, hat Gerhart Hauptmann ähnlich, aber, wie es sich für einen Schriftsteller gehört, geschwollener ausgedrückt: "Sobald man in einer Sache Meister geworden ist, soll man in einer neuer Schüler werden."

Nach demselben Gerhart Hauptmann, der 1912 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und dessen "Bahnwärter Thiel" wir anno tobak im Deutschunterricht gelesen haben, ist eine Freiburger Schule benannt. Weil Gerhart Hauptmann Sympathien für den Nationalsozialismus gehabt habe, sei er kein guter Namenspatron für eine Schule, sagt der Verein "Geraubte Kinder". Die Stadt sieht das anders, und in der Schule könnten sie ja mal, wenn dies möglich ist und nicht sowieso schon geschieht, "Bahnwärter Thiel" oder auch "Die Weber" lesen und danach die Frage beantworten, wie das mit der Nähe Gerhart Hauptmanns zu den Nationalsozialisten war.

Überhaupt, unsere Schulen. Da reden ja fast so viele Experten mit wie bei der Fußballnationalmannschaft. Derzeit Topthema: Soll man den Schulbeginn entzerren oder nicht? Soll man nicht, braucht man nicht, sagen die meisten Schulleiter. Weil: riesige organisatorische Probleme. Und natürlich: Jeder neue Vorschlag entfacht einen Mecker-Tsunami. Denn im Meckern über Neues, da macht uns keiner was vor, da sind wir Deutschen unumstritten die Besten. Schon deshalb lässt man alles lieber, wie es ist oder wartet einfach auf das Kultusministerium. Doch dazu braucht es Geduld, zu welcher Faust, der seinerzeit alles, aber bloß nicht Kultusminister werden wollte, schon das Nötige gesagt hat: "Und Fluch vor allem der Geduld."

Auch wenn es um die Digitalisierung der Schulen geht, wird gemeckert, obwohl – Paradox – alle dafür sind. Und oho! 138 Millionen Euro! Da braucht es Pilotschulen, pädagogische Konzepte, Optimierungen, Strategien und so Zeug. In zehn Jahren soll dann alles verkabelt sein. Das Internet mag schnell sein. Aber bis schließlich alles installiert ist, vergeht viel Zeit. Die Zeit flieht zwar auch hier, aber dazu braucht sie lange.