SCHNOOGELOCH: Fransen

Ulrike Derndinger

Von Ulrike Derndinger

Sa, 16. Mai 2020

Schwanau

Das erste Videotelefonat in Mutters Leben. Eine Mitarbeiterin der Einrichtung hat’s ermöglicht. Weil die Mutter weiß, dass die Tochter gerade vom Frisör kommt, verschwendet sie keine Zeit, als ihr Kopf auf dem Bildschirm erscheint: "Zeig mol dinner Kahlhieb!" Die Tochter filmt sich von allen Seiten, die Mutter rückt die Brille zurecht. Ob sie was erkennen kann, fragt die Tochter. "Nei, wenn de immer so wie e Kuehschwanz wackelsch. Wart mol." Dann sieht sie Mutters Gesicht ans Telefon näherrücken und wie ihre Hand zum Handy greift und dann...wischt sie aus Versehen das Bild weg. Der Bildschirm ist schwarz, der Ton ist noch da. "Jetzt isch finschter wie im e Musloch", sagt die Mutter. Die Frisur hatte sie nicht richtig erkennen können. Aber Mode bedeutet der Mutter ohnehin nicht arg viel. Sie sieht das Ganze pragmatisch und verweist auf die Wolldecke auf ihrem Bett: "Hauptsach, de hesch kei so langi Fransle meh wie unser alter Teppig!"