Schockierende Vorwürfe

dpa

Von dpa

Sa, 08. Februar 2020

Wintersport

Trainer verschiedener Sportarten sollen in Frankreich minderjährige Athletinnen vergewaltigt oder belästigt haben.

PARIS (dpa). Frankreichs Eissportverband-Präsident hat nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen im Eiskunstlauf alle Verantwortung von sich gewiesen und die Sportministerin heftig attackiert. Der Verband sei kein Sammelbecken für Perverse, es gebe dort keine Vergewaltigungskultur, sagte Didier Gailhaguet in dieser Woche bei einer Pressekonferenz in Paris. "Seit wann ist in diesem Land die Unschuldsvermutung abgeschafft?"

Sportministerin Roxana Maracineanu, die zuvor seinen Rücktritt gefordert hatte, wolle nur moralisieren, sagte Gailhaguet. Unterdessen haben mehr als 50 Spitzensportlerinnen und -sportler ein Ende der sexuellen Gewalt im Sport gefordert.

Die schweren Missbrauchsvorwürfe der ehemaligen französischen Eiskunstläuferin Sarah Abitbol gegen ihren ehemaligen Trainer hatten in der vergangenen Woche ein Beben in der französischen Sportwelt ausgelöst. Mittlerweile hat sich auch die Justiz in den Fall eingeschaltet. Die heute 44-Jährige wirft ihrem ehemaligen Coach vor, sie Anfang als Jugendliche mehrfach vergewaltigt zu haben. "Ich wurde vergewaltigt, als ich 15 Jahre alt war. Es war das erste Mal, dass mich ein Mann berührte", sagte Abitbol der Zeitung L’Obs. Die Übergriffe hätten zwischen 1990 und 1992 stattgefunden, der Trainer habe sie damals in Umkleideräumen, auf dem Parkplatz oder anderswo missbraucht. Im Zuge dessen wurden auch Missbrauchsvorwürfe von anderen Eiskunstläuferinnen bekannt, außerdem wurden Fälle aus anderen Sportarten wie Schwimmen öffentlich. Es ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die Vorwürfe von Vereinen vertuscht worden seien.

Ministerin Maracineanu hatte den 66-jährigen Gailhaguet daraufhin am vergangenen Montag zum Rücktritt aufgefordert. Die gesamte Regierung unterstütze diese Forderung, hatte Regierungssprecherin Sibeth N’Diaye am Mittwoch deutlich gemacht. "Um zurückzutreten, hätte ich mir was zuschulden kommen lassen müssen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das habe", verteidigte sich Gailhaguet nun. Es sei abscheulich, einen ehrlichen, hart arbeitenden Verbandspräsidenten zu stigmatisieren, schimpfte er.

Während seiner Präsidentschaft habe es keinen Fall sexueller Gewalt gegeben, der nicht behandelt worden sei. Den von Abitbol beschuldigten Trainer habe er nicht geschützt. "Ich werde aufgefordert, aufgrund von Fakten, die 30 Jahre zurückliegen und die ich seit anderthalb Wochen kenne, zurückzutreten."

In einem offenen Brief schrieben zahlreiche Sportlerinnen und Sportler: "Die jüngsten Enthüllungen über sexuelle Übergriffe, die mehrere junge Sportler erlitten haben, erschüttern das System und wecken unseren Zorn. Wir fühlen uns auch deshalb verantwortlich, weil wir alle Zweifel, Verdächtigungen und Informationen gehabt haben." Nur allzu oft bedeute reden, die Zukunft zu riskieren, heißt es weiter in dem Brief. Denn die Auswahl zu Wettbewerben hänge nicht nur von den sportlichen Leistungen, sondern auch vom Willen der Verbände und Trainer ab. "Wir können nicht länger schweigen! Es ist an der Zeit, gemeinsam zu handeln und zu erkennen, dass das Brechen des Schweigens auch dem Sport dient."

Mitte der Woche hatte die Pariser Staatsanwaltschaft Vorermittlungen im Fall Abitbol eingeleitet. Untersucht würden Vorwürfe der Vergewaltigung von und sexueller Übergriffe auf Minderjährige, hieß es. Mit den Vorermittlungen sollten auch weitere mögliche Opfer identifiziert werden.