Sizilianischer Ausbrecherkönig gefasst

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Mi, 16. September 2020

Panorama

Giuseppe Mastini soll vor zehn Tagen "der Liebe wegen" nicht vom Freigang zurückgekommen sein.

Neun Tage war Giuseppe Mastini auf der Flucht, dann schnappte ihn die italienische Polizei. Das Bild, das die Staatspolizei am Mittwochmorgen in den sozialen Netzwerken verbreitete, zeigt drei Männer morgens in ländlicher Umgebung. Im Hintergrund blauer Himmel, Bäume, weiter vorne ist ein Gebäude, ein rustikales Landhaus zu erkennen. Die drei stehen mit dem Rücken zur Fotokamera. Die beiden muskulösen Herren außen tragen Westen mit der Aufschrift "Polizia". Sie halten den platinblonden Mann mit kurzen Haaren in der Mitte unter dem Arm. Es ist Giuseppe Mastini, 60 Jahre alt, bekannt als Ausbrecherkönig.

Insgesamt zum siebten Mal war Mastini ausgebüchst, vor zehn Tagen nach einem Freigang kam er nicht in die Haftanstalt in Sassari auf Sardinien zurück. "Man flüchtet immer der Liebe wegen", soll Mastini den Beamten bei seiner Festnahme gesagt haben. Seine Haare hatte er sich blond gefärbt, um nicht erkannt zu werden. Bei seiner Flucht vor drei Jahren wurde Mastini zusammen mit seiner Jugendliebe Giovanna T. nach drei Wochen in einem Landhaus in der Toskana gefasst. Diesmal überraschten ihn die Polizeibeamten alleine bei Sassari. Sie hatten mehrere Telefonate abgehört, in denen der Flüchtige mit einer Frau sprach. Die Polizei vermutet, es handelte sich um Giovanna T., die nicht mit Mastini angetroffen wurde.

Erst Jahre nach seiner Verurteilung wegen mehrfachen Mordes 1989 knüpften Mastini und Giovanna T., die er vor langer Zeit auch geheiratet hatte, wieder Kontakt. Sie hatte in einer anderen Ehe mittlerweile fünf Kinder zur Welt gebracht. Im kommenden Jahr wollten beide ein Take-Away-Lokal in Sardinien öffnen, das berichtete Don Gaetano Galia, Gefängnisseelsorger aus Sassari. Mastini hätte im Februar nach mehr als 30 Jahren Haft ständige Hafterleichterungen und täglichen Ausgang bekommen. Aber offenbar hielt er die Gefangenschaft nicht mehr aus. "Ich verstehe es einfach nicht, er war schon fast wieder ganz raus aus dem Gefängnis", sagte Galia. Seine Führung sei einwandfrei gewesen. Nun ist Mastinis Traum von der Freiheit vorbei, wieder einmal.

Wegen guter Führung hatte Mastini in den vergangenen Jahren von den Justizbehörden immer mehr Freigang genehmigt bekommen. Zuletzt arbeitete er immer wieder in einer Kooperative für Gefangene, die von Don Galia geleitet wurde. Seine Verbrechen liegen lange zurück, hallen wegen ihrer Brutalität aber bis heute nach. Als 15-Jähriger erschoss er bei einem Raubüberfall 1975 einen Trambahnschaffner in Rom, die Beute waren eine wertlose Uhr und 10 000 Lire. Bei einem Raubüberfall 1987 tötete Mastini eine weitere Person, bei seiner Festnahme im selben Jahr erschoss er einen Polizisten. Dutzende Raubüberfälle hatte er da schon begangen. Die Taten liegen lange zurück. Seine Strafe hatte Mastini fast, aber eben noch nicht ganz abgebüßt. Warum Mastini kurz vor seiner Entlassung in die Freiheit floh, bleibt sein Geheimnis. "Ich fürchte, seine Resozialisierung ist damit endgültig gescheitert", sagt Don Galia.