Die Entfachung des Feuers

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 28. April 2019

SC Freiburg

Der Sonntag Am kommenden Mittwoch stehen die Fussballerinnen des SC Freiburg erstmals im DFB-Pokalfinale – Gegner ist der VfL Wolfsburg.

Der Einzug ins DFB-Pokalfinale ist der Höhepunkt der bisherigen Geschichte der Frauenabteilung des SC Freiburg. Das Finale in Köln am Mittwoch (17.15 Uhr, ARD) gegen den VfL Wolfsburg ist auf gleich mehreren Ebenen bedeutsam.

Hals über Kopf kann man sich nicht nur verlieben. Hals über Kopf kann man auch mitten in einem Haufen von Arbeit versinken. Birgit Bauer (54) kennt das. Am vergangenen Mittwochabend hatte die Leiterin der Frauenabteilung des SC Freiburg alle Hände voll zu tun. Der bisherige Höhepunkt der Abteilung will ordentlich vorbereitet sein. "Allein vom Verein kommen an die hundert Leute mit", sagt Bauer. Das Highlight am kommenden Mittwoch, 1. Mai, will sich keiner entgehen lassen: Das DFB-Pokalfinale im Rhein-Energie-Stadion zu Köln.

Dass der Einzug ins Finale nicht nur für die Chefin, sondern den ganzen Verein etwas Besonderes ist, zeigt die beeindruckende Gästeliste, über deren Zimmereinteilung Bauer auch noch nach Arbeitsende brütet. Mitarbeiter vom Hauptverein, Ehrengäste, Sponsoren: Alle wollen sie dabei sein. Die Delegation wird mehrere Reisebusse füllen.

Nicht eingerechnet sind dabei der Frauen-Fanclub und die Fraktion des Fanclubs der Männer. Stand Freitag waren bereits mehr als 700 Fanfahrer gemeldet. Der Höhepunkt der Abteilungsgeschichte soll zum Heimspiel werden. Die Frauen sind das erste Aktiventeam der Breisgauer, das den Einzug ins Finale geschafft hat. Ansonsten hat das Kunststück bis dato lediglich die männliche U 19 vollbracht.

Für die Frauenabteilung ist das Finale die besondere Krönung eines beständigen Aufwärtstrends. "Diese Entwicklung macht mich schon sehr stolz", betont Bauer.

Von Anfang an hat sie die Geschichte der Abteilung geprägt. Seit der Grünung der Abteilung 1990 gehört sie zum Planungsstab, ist Mädchen für alles, Innovatorin und Organisatorin im Möslestadion. Mehr als 20 Jahre lang hat sie das Team neben ihrem Job beim Badischen Radsportverband ehrenamtlich gemanagt. Erst seit der Mitgliederversammlung Januar 2017 ist Bauer hauptamtlich beim SC Freiburg tätig.

Zwei vierte Plätze und letztes Jahr der dritte Rang: Die Bilanz der vergangenen Spielzeiten lässt sich sehen. Nun ein Sahnehäubchen auf der Torte der Schwarzwälder Kickerinnen also das DFB-Pokalfinale. Und das in einer außergewöhnlichen Seuchensaison: Kim Fellhauer, Hasret Kayikci, Clara Schöne, Carolin Schiewe, Verena Wieder, Merle Frohms – alles potentielle Stammspielerinnen, die ausfallen. Jüngst hat Jobina Lahr die Krankenakte um einen Kreuzbandriss erweitert.

"Ich will gar nicht mehr drüber reden", sagt Trainer Jens Scheuer – neben Bauer die zweite Säule, die den Erfolg der vergangenen Jahre getragen hat. Zusammen haben sie sich zum kongenialen Führungsduo entwickelt. Am Höhepunkt aber wird es nach der aktuellen Saison zur Scheidung kommen. Nächste Spielzeit trainiert Scheuer den FC Bayern München. Zukunftsmusik. Denn für den 40-Jährigen zählen vor dem Highlight ohnehin nur die positiven Gedanken: "Für das Finale müssen wir alles mobilisieren." Der Abgang von Scheuer verweist dennoch auf einen wunden Punkt: Das Schicksal von einem der derzeit besten Ausbildungsvereine im deutschen Frauenfußball. Machen sie ihre Arbeit gut, entwickeln sich die Spielerinnen schneller als der Verein. Und sind im schlimmsten Fall weg. So war das bereits nach der vergangenen Saison, als gleich acht Spielerinnen den Verein verließen. Nun also hat das Interesse der Konkurrenz den Abgang des Trainers initiiert. Und für den Sportclub beginnt die Entwicklung von vorn: Der verstetigte Phönix aus der Asche, er wird weiterauferstehen müssen. Die perfekte Möglichkeit zum entspannten Warmlaufen für das Duell gegen Wolfsburg bietet sich den Kickerinnen heute (14 Uhr) gegen die SGS Essen. In der Liga geht nicht mehr viel. Die durchwachsene Saison wird im Mittelfeld enden. In Essen gastiert im Übrigen das Team des neuen SC-Trainers, Daniel Kraus, im Möslestadion.

Es sind die Wochen der besonderen Partien. Vier Tage nach dem Pokalfinale gastiert der Sportclub bei den Bayern. Dort wird sich der aktuelle und bald alte Trainer Thomas Wörle mit einem Spiel gegen den eigenen Nachfolger verabschieden.

Eine Anekdote von vor zehn Jahren

Zurück aber zum Pokalfinale, das gegen den Meisterschaftsfavoriten VfL Wolfsburg zur Herkulesaufgabe wird. Die Autostädter haben zuletzt viermal in Serie den Pott gewonnen. Mut macht da eine kleine Anekdote. Vor zehn Jahren, als Trainer Scheuer als Spielertrainer noch die Geschicke in Bötzingen leitete, da zog er als Verbandsligist mit einem Sieg über Regionalligist Pfullendorf ins Finale ein. Das Finale des südbadischen Pokals gegen den SV Waldkirch ging dann aber verloren. Im Anschluss war der damals 28-jährige Trainernovize leer, legte eine Pause ein. Das Feuer kam aber schnell wieder. Erst letztens hat er bei der Auswärtsfahrt in Frankfurt den dazu passenden Spruch gelesen: Nur wer Feuer hat, kann Feuer entfachen. "Das fand ich sehr passend."

Kommenden Mittwoch aber wird er sich wohl kaum auf Feuersuche begeben müssen. Der Sportclub brennt auf sein erstes Pokalfinale.