Bundesliga

Warum SC-Sportchef Saier eine Dienstreise in die USA machen wird

Frank Hellmann & David Weigend

Von Frank Hellmann & David Weigend

Fr, 18. Oktober 2019 um 09:43 Uhr

SC Freiburg

Bei einer Leadership-Reise in die USA wollen sich die Sportdirektoren der Bundesliga neue Denkanstöße holen. SC-Sportchef Jochen Saier, der einst in Boston BWL studiert hat, ist auch dabei.

Vermutlich könnten es die Sportchefs der Bundesligisten nie so deutlich sagen, wie wichtig ihnen die Länderspielpausen im September und Oktober sind. Endlich einmal durchschnaufen, Handy abschalten und ein paar Tage in den Urlaub fahren. Das Nonstop-Business erlaubt sonst kaum Atempausen.

Umso bemerkenswerter war ja, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im September zu seiner ersten Innovationswoche ein halbes Dutzend Manager nach Hamburg gelotst hatte, um Zukunftsthemen zu besprechen. Danach folgten weitere Gespräche, ehe jetzt verkündet werden konnte, dass 16 Führungskräfte Anfang Dezember bei einer viertägigen Leadership-Reise in die USA mitmachen. Organisiert wird der Trip nach San Francisco von der DFB-Akademie, angeführt vom Direktor Oliver Bierhoff und Akademieleiter Tobias Haupt.

Dabei sein sollen unter anderem Sebastian Kehl (Borussia Dortmund), Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt), Markus Krösche (RB Leipzig), Rouven Schröder (FSV Mainz), Simon Rolfes (Bayer Leverkusen), Jörg Schmadtke (VfL Wolfsburg) und Jochen Saier vom SC Freiburg, dazu Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart) und Marcell Jansen (Hamburger SV) als Repräsentanten zweier gefühlter Bundesligisten.

Nicht Sightseeing auf die Golden Gate Bridge oder das Hafenviertel Fisherman’s Wharf, sondern Besuche bei den Golden State Warriors (Basketball) und San Francisco 49ers (American Football), Stippvisiten an der Stanford University und Startup-Unternehmen stehen im Mittelpunkt. "Es geht darum, das eigene Hamsterrad zu verlassen und über den Tellerrand hinauszuschauen", berichtet SC-Sportchef Saier. Der 41-Jährige hat selbst einen USA-Bezug. Im Rahmen seiner Ausbildung studierte er 2001 ein Jahr lang Betriebswirtschaftslehre an der Northeastern University in Boston. Auch wegen des Fußballstipendiums, das er dort erhielt, war es für ihn eine prägende Zeit.

"Es ist sicherlich spannend, neuen Input aus anderen Sportarten und deren Organisationsformen zu bekommen", findet Saier. "Zudem wird die gemeinsame Zeit und der Austausch mit den Kollegen aus der Bundesliga fernab des Alltagsgeschäfts sicherlich gut tun."

"Es geht darum, wie Leadership und modernes Management interpretiert werden, welche Trends und Technologien es gibt, wie die Digitalisierung beispielsweise auch den Fußball verändern könnte", sagte Bierhoff im Fachmagazin Kicker. Dass sich die Entscheider abseits der großen Herausforderungen des Alltags dafür Zeit nähmen, zeige doch, "dass sich alle Gedanken über die Zukunft machen". Denn die wirkt abgesehen von einem Toptalent wie Kai Havertz (20, Bayer Leverkusen) eher düster. Bierhoffs Botschaft: Die große Flaute im Nachwuchsbereich kommt erst noch.

Der 51-Jährige hatte beim DFB-Bundestag für sein "Projekt Zukunft – Für die Weltmeister von Morgen" mit aufrüttelnden Worten geworben. DFL und DFB wollen mit der ersten Fortbildungsreise gemeinsam Taten folgen lassen. Die DFL hat erst kürzlich die Kommission Fußball vorgestellt, der beispielsweise Hasan Salihamidzic (FC Bayern), Frank Baumann (Werder Bremen), Max Eberl (Borussia Mönchengladbach) und eben Saier angehören. Spätestens wenn 2021 die neue Akademie in Frankfurt fertig ist, soll ein Rädchen ins andere greifen. Bis dahin braucht es möglichst viele Doppelpässe zwischen Liga und Verband.

Erforderlich sei ein Umdenken, sagt Bierhoff, der keine Denkverbote kennt. Den Fußballlehrern sollen künftig andere Kompetenzen schwerpunktmäßig vermittelt werden. Es soll hinterfragt werden, "ob das, was wir machen, noch sinnvoll ist." Um die Bolzplatzmentalität zurückzugewinnen, könnte es noch zu Revolutionen im Jugendbereich kommen. Der Direktor regte sogar eine Aufspaltung der Dritten Liga in zwei oder drei Staffeln an, um mehr jungen Spielern den Durchbruch zu ermöglichen. Aber liegt hier wirklich das Problem?

Unmittelbar nach dem WM-Desaster hatten führende Köpfen, angetrieben vom ob der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zunehmend besorgten DFL-Chef Christian Seifert, im Frankfurter Westend die Köpfe zusammengesteckt. Mit dem tatendurstigen Haupt, dem jegliches Lager- und Vereinsdenken fremd ist, scheint ein Ideengeber gefunden, dem gerade die jüngeren Macher der Liga gerne folgen. Die Fragestellung lautet für den 35-Jährigen: "Was muss sich verändern im deutschen Fußball, damit wir es zurück in die Weltspitze schaffen?"

Wie weit die Nationalmannschaft noch von diesem Anspruch entfernt ist, hat die einfallslose erste Halbzeit in Estland offenbart, doch Hauptthema waren danach die Likes von Ilkay Gündogan und Emre Can. Bundestrainer Joachim Löw findet, dass zu wenig über Fußball geredet wird.

Dass er mit dem Niveau der Bundesliga an den ersten sieben Spieltagen nicht einverstanden ist, deutet der 59-Jährige nur subtil an. Zu groß ist die eigene Baustelle mit seiner unfertig wirkenden DFB-Auswahl. Doch auch die Europapokalwettbewerbe, die in der kommenden Woche weitergehen, lassen keine Besserung erkennen: In der Champions League übertünchte der Kantersieg des FC Bayern beim Vorjahresfinalisten Tottenham Hotspurs (7:2) die Heimniederlagen von Bayer Leverkusen gegen Lokomotive Moskau (1:2) und RB Leipzig gegen Olympique Lyon (0:2); in der Europa League hat sich Borussia Mönchengladbach gegen den Wolfsberger AC blamiert (0:4), Eintracht Frankfurt unterlag einer besseren B-Elf des FC Arsenal (0:3).

Frankfurts Baumeister Fredi Bobic hat die Fahndung nach entwicklungsfähigen Spielern inzwischen fast ausnahmslos ins Ausland verlagert. Der pragmatische 47-Jährige ("Ich glaube, dass es eine gewisse Durststrecke geben wird") hat vor einem Jahr das Scheitern der deutschen Nationalmannschaft in Russland gleich als Chance für einen Neuanfang ausgemacht. Dass es dafür bald über den großen Teich geht, freut den ausgewiesenen Fan des US-Sports übrigens ganz besonders.