"Eine Frage der Ehre"

dpa

Von dpa

Fr, 16. Oktober 2020

Sportpolitik

Alexander Lukaschenko, Machthaber von Belarus, benutzt den Sport, um sich zu präsentieren – doch viele Athleten wenden sich ab.

Der begeisterte Eishockey-Hobbyspieler Alexander Lukaschenko zeigt sich in Belarus nur zu gern im Kreis von Profis auf dem Eis. Sport und Politik sind bei dem 66-Jährigen von jeher eins. Doch seit er sich zum sechsten Mal zum Präsidenten erklären ließ, seine Gegner verprügeln und einsperren lässt, reißt immer mehr linientreuen Sportlern die Geduld. Fußballer treten mit Botschaften gegen Gewalt auf ihren Trikots aufs Spielfeld. Athleten kritisieren in einem Video offen Repressionen. Hunderte haben einen offenen Brief unterschrieben gegen den "letzten Diktator Europas", wie Gegner Lukaschenko nennen.

"Es ist unmöglich, sich jeden Tag diese Ungerechtigkeit anzusehen", sagte die prominente Basketballspielerin Jelena Lewtschenko vor ihrer Festnahme in der vergangenen Woche. Sie sitzt gerade eine 15-tägige Arreststrafe ab, weil sie an nicht genehmigten Massenprotesten gegen Lukaschenko teilgenommen hat.

Die Exekutive des Internationalen Olympische Komitees (IOC) beschäftigte sich mit ihrem Fall. IOC-Präsident Thomas Bach erklärte, das Nationale Olympische Komitee habe auf eine IOC-Anfrage betont, die Verurteilung der Olympia-Teilnehmerin sei im Einklang mit geltenden Gesetzen erfolgt. Bach wollte die politische Situation nicht kommentieren, nannte Berichte belarussischer Sportler und Medien aber besorgniserregend und verlangte mit Hinweis auf die Olympische Charta, Sportler und Sportlerinnen dürften nicht wegen ihrer politischen Ansichten diskriminiert werden.

Seit der Präsidentenwahl am 9. August, die etwa Deutschland und andere EU-Staaten nicht anerkannt haben, kommt es täglich zu Protesten in der ehemaligen Sowjetrepublik. Die Menschen fordern ein Ende der Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten, die Freilassung politscher Gefangener und Neuwahlen ohne Lukaschenko. Wer gegen Lukaschenko ist, das hat er selbst immer wieder gesagt, soll kein Auskommen mehr haben. Reihenweise verlieren deshalb inzwischen nicht zuletzt Sportler und Trainer ihre Jobs. "Selbst die unpolitischsten Leute reden nun", sagte die Leichtathletin Swetlana Kudelitsch, die ihre Anstellung im Zivilschutzministerium verlor.

Viele Sportlerinnen erklären, dass sie ja selbst für einen fairen Wettkampf im Sport stehen, aber nicht zusehen wollen, wie der Staatschef selbst sich keinem politischen Wettbewerb stellt und seine Gegner bei Wahlen gezielt ausschaltet. "Bin ich würdig, die Ehre meines Landes zu vertreten, wenn ich nicht einmal meine eigene Ehre verteidige?", fragt die Freie Vereinigung der Sportler von Belarus. Die Sportler beklagen Druck von Sportfunktionären auf sich selbst und ihre Familien, sie mögen sich abwenden von der Protestbewegung. Die Ski-Freestyle-Weltmeisterin, Alexandra Romanowskaja, Sportlerin des Jahres 2019 in Belarus, sagte, dass sie die "Lügen" des Systems satt habe. Die vierfache Biathlon-Olympiasiegerin Darja Domratschewa zeigte sich gleich in den ersten Tagen nach der Wahl bestürzt bei Instagram angesichts des brutalen Vorgehens der Polizei gegen friedliche Demonstranten.

Regimekritische Trainer verlieren ihre Jobs

Der Trainer der Eishockey-Junioren, Alexander Rummo, trat zurück, weil ihm der Verband klar gemacht habe, dass er nur arbeiten könne, wenn er die Staatsführung unterstütze. "Unterstütze ich nicht und verheimliche das auch nicht", teilte er mit. Ersatz findet sich schnell. Vor der geplanten Eishockey-WM in Minsk im Mai 2021, die Belarus gemeinsam mit der Stadt Riga im EU-Nachbarland Lettland ausrichten will, wechselte auch die Führung des Eishockey-Verbandes selbst. Der Lukaschenko-Unterstützer Dmitri Baskow, Generaldirektor von Dynamo Minsk, löste den ohne Erklärung zurückgetretenen Gennadi Sawilow ab.

Doch ob das autoritär regierte Land überhaupt Gastgeber der WM sein kann, wird aktuell heiß diskutiert. Diskussionen auch um einen möglichen Boykott gab es bereits vor den zweiten Europaspielen in Minsk im vergangenen Jahr. Doch jetzt hat Machthaber Lukaschenko deutlich mehr Legitimationsprobleme. Ihm werden Wahlbetrug und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. In einem Eisstadion redete er in diesem Jahr auch die Corona-Pandemie klein – und bezeichnete sie einmal als "Psychose". Viele Sportfans ärgerte der laxe Umgang mit dem Virus.

Der lettische Ministerpräsident Krisjanis Karins bat die Internationale Eishockey-Föderation (IIHF) im September darum, das Turnier aus politischen Gründen nicht mehr mit Minsk gemeinsam auszutragen. Zwar hatte IIHF-Präsident René Fasel gesagt, dass der Weltverband besorgt sei wegen der Ereignisse in Minsk. Der Weltverband sei aber keine politische Organisation und könne deshalb den Austragungsort Minsk nicht aus politischen Gründen verlegen. Eine Expertengruppe soll nun darüber beraten und beim nächsten Treffen des IIHF-Council im November ein klares Bild präsentieren.