Ruhmeshalle oder missglücktes Geschichtsbuch?

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Fr, 17. Mai 2019

Sportpolitik

In der Hall of Fame werden auch Funktionäre mit NS-Vergangenheit und Ex-Doper geehrt / Wie fragwürdig sie ist, wurde bei einer Diskussion in Freiburg deutlich.

FREIBURG. Sie ist ein Ort der Erinnerung, die Hall of Fame des deutschen Sports. Diese Ruhmeshalle existiert nur virtuell und ist im Internet zu besichtigen. 113 Persönlichkeiten des deutschen Sports werden darin geehrt, immer wieder kommen neue hinzu. Als die Stiftung Deutsche Sporthilfe ihre Ruhmeshalle ins Leben rief, wollte sie an Menschen erinnern, "die durch ihren Erfolg im Wettkampf oder durch ihren Einsatz für Sport und Gesellschaft Geschichte geschrieben haben".

Doch was in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, entwickelte sich in Deutschland schnell zum Streitpunkt. Ein Land, das zwei Diktaturen durchlitt, erst die nationalsozialistische und dann die realsozialistische der DDR, kann nicht naiv auf seine Geschichte schauen. Können Menschen, die von der NS-Diktatur profitierten oder sich zu DDR-Zeiten sehenden Auges mit Anabolika vollgepumpt haben, Helden und Vorbilder sein? Als die Hall of Fame im Jahr 2006 gegründet wurde, habe er diesen Ort der Erinnerung sehr begrüßt, sagte Anno Hecker, der Sportchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei einer Podiumsdiskussion in dieser Woche in Freiburg. "Jetzt aber habe ich zunehmend Probleme mit dem Heldenstatus." Anfangs dachte er, die Hall of Fame sei "auch eine Plattform, auf der wir diskutieren können", so Hecker. "Aber es funktioniert nicht. Die Leute sind nicht daran interessiert."

Der FAZ-Journalist, einer der klügsten Köpfe in diesem Beruf, ist der Auffassung, dass die meisten Menschen, die sich für Sport begeistern, dies lieber naiv und unkritisch tun und sich mit den Brüchen einer Biografie lieber gar nicht erst auseinandersetzen wollen. Mit dieser Auffassung steht er nicht allein. Was aber hat der Ex-Reiter und langjährige Sporthilfe-Chef Josef Neckermann heute noch in einer Ruhmeshalle zu suchen, seit feststeht, dass er sich den nationalsozialistischen Machthabern in der Zeit zwischen 1933 und 1945 geradezu andiente und als Geschäftsmann überdies vom Erwerb jüdischer Unternehmen profitierte? Kann man einen Sportfunktionär wie Willi Daume vorbehaltlos bejubeln, der mindestens beide Augen zudrückte, als die westdeutsche Doping-Maschinerie in den 1970er Jahren Fahrt aufnahm? Und darf Uli Hoeneß noch als "Visionär der Fußball-Bundesliga" (O-Ton Sporthilfe) gefeiert werden, obwohl er 2014 als Steuerhinterzieher verurteilt wurde?

Die Mitgliedschaft des umstrittenen Münchners Hoeneß ruht nun immerhin. Aber ein Kernproblem bleibt in den Augen des Freiburger Sportwissenschaftlers Professor Diethelm Blecking, der den Diskussionsabend moderierte: "Muss einer, der in der Hall of Fame ist, in den Augen der Menschen nicht automatisch ein Guter sein?" Auch Blecking begrüßt einen Ort, an dem Menschen sich Gedanken machen können über die Geschichte des Sports. Doch schon der Name Hall of Fame sei falsch gewählt. Man solle vielleicht eher von einer "historischen Sportplattform" sprechen.

Florian Dubbel, der Geschäftsleiter der Stiftung Deutsche Sporthilfe, zeigte sich offen für eine Umbenennung. "Über den Namen können wir reden", sagte er. Ein "Ort der Erinnerung und ein Anstoß zur Diskussion" sei gleichwohl wichtig. "Sonst würden wir heute auch nicht hier sitzen und über die Hall of Fame sprechen."

Studierende der Fachschaft Sport hatten den Abend organisiert, einige kluge Köpfe an der Sport-Uni, und es war schon ein Erfolg, dass man überhaupt einmal grundlegend kritisch über Sport diskutieren durfte an der Freiburger Universität. Als Erfolg ist auch anzusehen, dass diejenigen, die die Mitglieder der Hall of Fame aussuchen (noch lebende Geehrte, Sportjournalisten, Athleten, Funktionäre), sich diese Arbeit zunehmend schwer machen. Das Grundproblem aber bleibe bestehen, so Blecking: "Wenn die Aufnahme eine Auszeichnung sein soll, dann haben manche sie einfach nicht verdient." Andere hingegen sehr, auch wenn sie nicht mit Gold bei Olympia glänzten oder Funktionärskarrieren machten. Der 78-jährige Henner Misersky war Trainer in der DDR. Er weigerte sich, seinen Athletinnen Dopingmittel zu verabreichen. Die Staatssicherheit versuchte in der Folge, sein Leben und das seiner Familie zu zerstören. Misersky blieb standhaft. Auch er ist heute in der Hall of Fame.