Streben nach Perfektion, Anwalt des Neuen

Katharina Rögner /BZ

Von Katharina Rögner (epd)/BZ

Mo, 22. November 2021

Klassik

Der amerikanische Dirigent Kent Nagano wird heute 70.

Auf den gebürtigen Kalifornier Kent Nagano trifft der Status Weltenbürger zu. Bei führenden Orchestern ist er zu Gast. Seit 2015 amtiert der Amerikaner mit japanischen Wurzeln in Hamburg als Generalmusikdirektor der Staatsoper und als Leiter das Philharmonischen Staatsorchesters. Heute feiert er, der auch in Freiburg dirigierte, seinen 70. Geburtstag. Nagano wirkt bescheiden. Das Wichtigste für einen Dirigenten sei wahrscheinlich die Art zu kommunizieren, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Herzenssache ist für ihn, junges Publikum für klassische Musik und Oper zu begeistern. "Wenn Menschen keinen Zugang finden, dann liegt es nicht an der Musik selbst, an Beethoven etwa oder Bach, sondern daran, dass sie die Werke nicht kennen und die Zugangsmöglichkeiten irgendwie nicht attraktiv genug sind."

Wichtig sei die Qualität der Musik und ihrer Wiedergabe, erklärt Nagano. Junge Leute seien sehr sensibel, was Qualität betreffe. Sehr oft werde die nächste Generation unterschätzt. Aber sie sei "unglaublich schnell im Denken" und spüre, "ob etwas ehrlich gemeint ist". "Die größte Gefahr wäre daher, das musikalische Niveau niedrig zu halten. Vielmehr muss höchste Qualität angestrebt werden", so Nagano. Ob er ein Perfektionist ist? Das sollen, wie er meint, andere sagen.

Geboren wurde Nagano nahe San Francisco als Enkel japanischer Einwanderer. Er wuchs auf der Farm seiner Großeltern im Fischerdorf Morro Bay auf. Die aufregenden 60er Jahre habe er nur aus gewisser Entfernung erlebt. Aber die Region seiner Kindheit habe ihm alles geboten: Berge, wilde Natur, Flüsse und Schnee. "Das war wirklich eine endlose Bühne", erinnert er sich, "die Natur war unsere Unterhaltung, und sie war immer da."

In den 70er Jahren studierte Nagano Soziologie und Musik in Santa Cruz und San Francisco. Erste große Erfolge feierte er beim Boston Symphony Orchestra, als Olivier Messiaen ihn für die Uraufführung seiner Oper "Saint François d’Assise" zum Assistenten des Dirigenten Seiji Ozawas vermittelte. Es folgten Stationen in Manchester, Los Angeles und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Von 2006 bis 2013 war er Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper.

Die Liste herausragender Ereignisse mit Naganos Beteiligung ist lang. Immer wieder arbeitet Nagano mit dem – einst in Freiburg tätigen – Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann. 2012 leitete er die Uraufführung von dessen Oper "Babylon" und 2017 Widmanns Oratorium "Arche" bei der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg. Kaum jemand sei mit seiner Musik so vertraut wie Nagano, sagt Widmann. Was er von Kent Nagano vor allem gelernt habe, so Widmann, sei, an die Zukunft der Musik zu glauben – und an "die Notwendigkeit des Neuen".