Stürmisches Finale vor dem Lockdown

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 03. November 2020

Laufenburg

In Laufenburg geben die Pianistin Gabriela Fahnenstiel und das Goldmund Quartett aus München gleich zwei Konzerte hintereinander.

. Am letzten Tag vor dem neuerlichen Kultur-Lockdown hat es im Laufenburger Schlössle gleich zwei Konzerte mit hochexpressiver und leidenschaftlicher Kammermusik in der Reihe "Mary Codman Classics" gegeben. Die junge Pianistin Gabriela Fahnenstiel, die aus Laufenburg stammt und in New York lebt, und das Goldmund Quartett aus München traten am Sonntag zwei Mal hintereinander im Panoramasaal auf und begeisterten das Publikum.

Da aufgrund der Abstandsregeln nur jeweils 25 Zuhörer Platz fanden und die Konzerte nur eine Stunde dauern durften, hatten die Musiker ihr abendfüllendes Programm "Gipfelstürmer" in zwei Teile aufgesplittet. Zu erleben waren "fünf herausragende Musiker auf tollsten Instrumenten", wie es Tatjana Fahnenstiel, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Kultur im Schlössle, in ihrer Begrüßung nannte. Gabriela Fahnenstiel brillierte am edlen Steinway-Flügel des Schlössles und die vier Streicher spielten auf kostbaren Stradivaris, die ihnen 2019 als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden.

Das erste Konzert am Nachmittag eröffnete Gabriela Fahnenstiel mit der Klaviersonate Nr. 7 D-Dur von Beethoven. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr hatte sie alle Beethoven-Sonaten durchgeschaut und sich für diese entschieden, weil der zweite Satz, das tieftraurige Largo, in der bedrückten Stimmung starke Emotionen in ihr geweckt hat. Auch die Zuhörer waren bewegt und beeindruckt von Fahnenstiels spieltechnisch virtuoser, differenziert gestalteter und emotional tiefgründiger Interpretation dieser Sonate – ein gewichtiger Beitrag zum Beethoven-Jahr.

Beim Abendkonzert erklang zum Auftakt das Streichquartett f-Moll op. 20 von Haydn. Das Goldmund Quartett legte sich mit solcher Frische, dynamischem Bogenstrich, heftiger Vehemenz und zupackender Direktheit in dieses Stück, dass kein Körnchen Staub und keine Spur von betulichem "Papa Haydn" mehr blieb. Vielmehr wirkte dieses Haydn-Spiel schlank im Ton, detailklar in der Intonation ausgehorcht, voller gesteigerter Dramatik und ganz eigener Spannung. Der Adagio-Satz war kantabel und tonschön gespielt, mit feinem Empfinden und warmem Klang.

Der Primarius Florian Schötz, Pinchas Adt an der zweiten Geige, Christoph Vandory an der Bratsche und Raphael Paratore am Cello bildeten ein hinreißend homogenes Ensemble, das diesen Haydn mit vitaler Geste, deutlich herausgearbeiteten Stimmen, Schwung und stürmischer Attacke im Schlusssatz zu einem aufregenden Klangerlebnis machte.

Überwältigender Höhepunkt der beiden Konzerte war das Klavierquintett Nr. 2 A-Dur von Antonin Dvorák, in dem Gabriela Fahnenstiel und das Streicherensemble mit fulminantem Sturm- und Drang-Musizieren die Bogen und Tasten schier zum Glühen brachten. Leidenschaftlich, voller Emphase, mit einem Höchstmaß an Intensität und emotionaler Spannkraft gestalteten die Pianistin und die Streicher den Allegro-Kopfsatz. Mit Vehemenz, Temperament und vorwärtsdrängendem Impuls werfen sich die Musiker in diesen stürmisch bewegten Satz. Dieses Hochdruck-Musizieren in einer schwelgerischen und mächtigen Klangfülle, die schier den Rahmen des kleinen Saals sprengt, reißt die Zuhörer zu spontanem Zwischenbeifall hin.

Ein Ereignis ist es auch, wie gefühlvoll, wehmütig, mit warmem Klang die Musiker die blühenden Melodien und das slawische Kolorit im Dumka-Satz ausschöpfen. Hier fällt auf, wie klangschön, empfindungsvoll, mit klar nuanciertem Anschlag Gabriela Fahnenstiel spielt und wie harmonisch sich ihr Klavierklang in den der Streicher integriert. Dieses Zusammenspiel, in dem die Balance zwischen Klavier und Streichern so hervorragend gelöst ist, macht pure Freude beim Zuhören. Die Pianistin und das Streicherensemble laden dieses prächtige Gipfelwerk des böhmischen Komponisten mit Energie, Emotion, Vitalität auf und zeigen feines Gespür für die Schattierungen und wechselnden Stimmungen. Rhythmisch auftrumpfend, tänzerisch geschmeidig, mit kräftigem musikantischem Zugriff spielen sie den Furiant-Satz. Das Finale ist geprägt von überbordender Spielfreude und stürmischem Elan. Die Dankbarkeit der Zuhörer, kurz vor der Schließung der Kulturhäuser im November, noch einmal so hochklassige Kammermusik genießen zu können, war spürbar groß.