Ein Comic, in den Raum gefaltet

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 09. Januar 2020

Kunst

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt jetzt in seiner Reihe "Frischzelle" bis September Arbeiten des Bildhauers André Wischnewski.

Auf der Treppe ins Untergeschoss, wo im Kunstmuseum Stuttgart die jüngeren Arbeiten aus der Sammlung zu sehen sind – von Björn Braun, Josefine Meckseper, Daniel Richter und anderen – stolpert einem derzeit ein ziehharmonika-artig gefaltetes Metallband entgegen, aufrecht und grau, mit gerecktem Kopfende wie auf der Suche nach Publikum. André Wischnewski hat es dort platziert, gewissermaßen als Objekt gewordenen Fanfarenstoß zur Eröffnung seiner Soloschau in der Reihe "Frischzelle", die jungen Kunstschaffenden die Möglichkeit bietet, die Umgebung des unverrückbar im Souterrain vor sich hin bröckelnden Schokoladengartenzwergs von Dieter Roth von 1972 zu bespielen. Mit der Idee der räumlichen Integration in die Sammlung und einer Laufzeit von fast einem Jahr gehört die "Frischzelle" zu den wichtigsten Bühnen junger Kunst im Land.

Wischnewski, der im Frühjahr 2019 an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe als Meisterschüler von Harald Klingelhöller seinen Abschluss gemacht hat, reagierte auf Roths surrealen Humor und faltete das Blech zu dem Schallwort "Taeteraetaeaeae". Versucht man es zu entziffern, rutscht der Blick immer wieder zwischen den Lettern hindurch auf die Wand, die sich dahinter in einer Art Lichthof über zwei Stockwerke erhebt. Auf dem weißen Putz sortieren sich schwarze Linien zu Rahmenfragmenten, rechten Winkeln, Blasen und stilisierten Wolken, wuchern um Ecken, schälen sich vom Beton, hängen in den Raum, lehnen wie Fenster an der Wand oder liegen in sauber geschichteten Haufen am Boden wie Ersatzteillager. Rund 125 Meter schmale Stahlprofile hat der 36-Jährige hier zu einer lichten Raumzeichnung gebogen, verschweißt und montiert. Ihr Thema ist das Verhältnis von Sprache, Klang und Architektur, ihr Medium der Comic, ihre Erscheinungsform grundsätzlich variabel und offen für Fortsetzungen – das zumindest legt der Titel der Arbeit nahe: "126315 mm with open end". Tatsächlich findet sich das Publikum mit dem Betreten der Ausstellung unweigerlich als zufällig zusammengewürfeltes Ensemble in einem virtuellen Plot wieder, der von Raum zu Raum gerahmt wird von den fragmentierten Umrissen leerer Bildausschnitte.

Vor diesem Hintergrund erweist sich Wischnewskis Raumzeichnung als eine eigenwillige Studie über die Ordnung des Erzählens – aber auch über Fragen der Visualisierung unsichtbarer Phänomene wie Klang. Denn auch wenn im Ausstellungsraum nicht mehr zu hören ist als der typische museale Hintergrundsound aus schlendernden Schritten auf Parkett, Besuchergemurmel und dem Rauschen der Klimaanlage, ist Lärm hier dennoch allgegenwärtig. So windet sich am Boden ein knallrot lackierter Zug mit Waggons aus Geräuschworten entlang – DOK DOK DOK DOK! – und an den Wänden hängen stapelweise Comicseiten, aus denen Wischnewski mit dem Skalpell jede Schrift- und Bildinformation herausgeschnitten hat – bis auf das dynamisch gezeichnete Klangvokbular, das nun aus der Tiefe der übereinandergeschichteten Papiergitter tönt: WROUUMM, BROOM, BEEEP! Andere Soundwörter stanzte er dutzendfach aus bunten Teppichresten heraus und arrangierte sie auf einer Art Wandgarderobe zu einer wüsten, weichen Klanginstallation, die ebenso lautmalerisch aber stumm ist wie die zu topografischen Modellen in den Raum gefalteten Landkarten, auf denen die fiktiven Orte akustische Namen tragen wie Rufen, Keuchen, Steinbruchblubbern oder Sturzbachmurmeln. Dass einem diese nach dem kurzweiligen Parcours durch die Ausstellung als plausibel erscheinen, verrät einiges über die suggestive Kraft von Wischnewskis konzeptuellen Comic-Installationen.

Frischzelle_26: André Wischnewski. Kunstmuseum Stuttgart. Bis 6. Sept., Di bis So 10–18 Uhr, Fr 10–21 Uhr.