Nach Erdbeben

Südwest-Feuerwehren schicken Hilfskonvoi von Bad Krozingen nach Kroatien

Volker Münch

Von Volker Münch

Sa, 02. Januar 2021 um 14:30 Uhr

Bad Krozingen

Nach dem verheerenden Erdbeben in Kroatien schicken Feuerwehren aus Baden-Württemberg 15 Lastwagen mit Hilfsgütern in die Region. In der Nacht auf Samstag startete der Konvoi von Bad Krozingen aus.

Aus allen Himmelsrichtungen haben Feuerwehren aus ganz Baden-Württemberg Hilfsgüter nach Bad Krozingen geliefert. Bis zum Abend des Neujahrstags waren es mehr als 100 Tonnen. Die Feuerwehren waren einem Hilferuf des Landesfeuerverbandes gefolgt, den Menschen und den Feuerwehren im Erdbebengebiet Kroatiens Hilfe zu bringen. In der Nacht auf Samstag hat sich ein Blaulicht-Konvoi aus 15 Lastzügen der Feuerwehren in Richtung Kroatien in Bewegung gesetzt.
Hintergrund: Am Dienstag hatte ein Beben der Stärke 6,4 die Kleinstädte Sisak, Petrinja und Glina sowie dazwischen liegende Dörfer in der Zentralregion des EU- und Urlaubslands verwüstet. Sieben Menschen kamen ums Leben. Seither gab es mehrere Nachbeben.

Der ehemalige Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbandes, Gerhard Lai aus Schallstadt-Mengen, traute seinen Augen nicht, als die Lawine an Feuerwehrfahrzeugen aus ganz Baden-Württemberg auf das Feuerwehrhaus der Feuerwehr Bad Krozingen zurollte. Ursprünglich dachte er an ein paar Lkw-Ladungen, die in Bad Krozingen als kleiner Hilfstransport zusammengestellt werden sollte. Dass daraus eine landesweite Aktion werden sollte, hatte er nicht erwartet.

Dementsprechend warteten kilometerlange Fahrzeugkolonnen geduldig den ganzen Tag über auf das Entladen von Hilfsgütern, die den Menschen und den Feuerwehren im dortigen Kreisgebiet Sisak-Moslavina dringend gebraucht werden. Bis zum Beginn der Aktion am Silvestertag war der Hilferuf des Landesfeuerwehrerbandes, der über die sozialen Medien gestreut wurde, nicht einmal zwei Tage alt.

Alle Erwartungen übertroffen

Was dann an den beiden Tagen geschah, übertraf auch sämtliche Erwartungen des ehemaligen Vizepräsidenten und des Bad Krozinger Feuerwehrkommandanten Florian Eckert. "Hier kamen Feuerwehren vom Bodensee, von der Schwäbischen Alb, aus dem Heilbronner Bereich über Nordbaden und natürlich auch aus Südbaden", freute sich Gerhard Lai, der seit 1996 Freundschaften nach Kroatien pflegt, die teilweise auch in engen Freundschaftsverbünden und Partnerschaften zwischen den Kommunen und Landkreisen führte. Allein aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald gingen im Lauf der Jahre unzähliges feuerwehrtechnisches Gerät und etwa 65 ausgemusterte Feuerwehrfahrzeuge, die vor dem Transport überholt wurden, nach Kroatien. Der Krieg auf dem Balkan habe gerade in den ländlichen Gegenden wie in der Region Sisak zu noch größerer Armut in der Bevölkerung und zu einem dahin darbenden Feuerwehrwesen geführt, so Lai. Viele dieser Fahrzeuge leisteten bis heute wertvolle Hilfe.

Mit dem verheerenden Erdbeben vom vergangenen Dienstag habe sich die Lage in diesen armen Gegenden im Gebiet von Sisak und ganz besonders in der Region Petrinja dramatisch zugespitzt. Aus erster Hand hat sich Lai über die Situation vor Ort informiert: "Petrinja ist praktisch völlig zerstört. Dabei war die 25.000 Einwohner große Stadt ein schönes, lebenswertes Städtchen", erklärte Lai.

Viele Verbindungen aus dem Landkreis nach Kroatien

"Gerade mit dieser Region gibt es besondere Verbindungen zu unserem Landkreis", betonte Lai. Bad Krozingens Bürgermeister Volker Kieber ergänzte: "Unsere Stadt hat enge Kontakte zum Landkreis Osijek-Baranja. Und wir haben von dort auch einen Feuerwehrmann in unseren Reihen." Das war auch der Grund, warum sich die Bad Krozinger Feuerwehr an die Spitze der Hilfsaktion stellte und zwei Tage lang mit rund 50 Feuerwehrfrauen und -männern die Hilfsgüter sammelte und zu Transporteinheiten zusammenstellte.

Den ganzen Tag über wuselte es in und vor dem Gerätehaus wie in einem Ameisenhaufen. "Hier wurden Lebensmittel, Kleidung, Feuerwehrausrüstung und sogar zwei Feuerwehrfahrzeuge zum Weitertransport gebracht", freut sich Florian Eckert. Weder Eckert und Lai hatten angesichts der Kürze des Hilfeaufrufes mit solchen Mengen gerechnet. Ursprünglich war nicht einmal mit einer Handvoll Fahrzeugen geplant worden, berichtete Lai. Doch es kam anders: "Eine solch schnelle Aktion mit diesem Ausmaß zu initiieren und zu organisieren, das können wirklich nur ehrenamtliche Feuerwehren", lobte er das Engagement der Feuerwehrleute aus ganz Baden-Württemberg. Unterstützung erhielt er auch von seinem Nachfolger beim Landesfeuerwehrverband, Michael Wegel, der auch Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Ortenau ist, und von Christian Leiberich, Kreisbrandmeister aus dem benachbarten Landkreis Emmendingen.

Auch Privatleute und Lebensmittelmärkte spendeten

Leiberich dankte den Familien, die einmal mehr auf ihre Angehörigen verzichten, die sich in den Dienst der Hilfe stellen. "Das gilt auch für die Arbeitgeber, die Einsatzkräfte für den Feuerwehrdienst freistellen," ergänzte der Kreisbrandmeister.

Mit der steigenden Zahl an Konvoifahrzeugen entstand für Gerhard Lai ein weiteres Problem. Er musste für den Hilfskonvoi sämtliche Fahrzeuge anmelden, die über Österreich nach Kroatien unterwegs waren. Fast im Stundentakt kontaktierte er deshalb einen hochrangigen Beamten im österreichischen Verkehrsministerium, der entsprechend eines staatlichen Abkommens den Hilfskonvoi sowohl vom Sonntags- und Feiertagsfahrverbot für den Schwerlastverkehr befreien konnte. "Ein toller Mensch, der trotz vieler Nachmeldungen uns geduldig half", bedankte sich Lai.

Aber nicht nur Feuerwehren, auch Lebensmittelmärkte und viele Privatleute waren dem Hilfeaufruf mit Tonnen von Lebensmitteln gefolgt. "An Silvester kam eine Privatperson und brachte im Wert von 500 Euro Lebensmittel", berichtete Lai. Vom Technischen Hilfswerk kamen Zelte und andere Ausrüstungsgegenstände, die den Menschen im Erdbebengebiet helfen.

In die Organisation eingeschaltet ist auch der Kreisfeuerwehrverband Breisgau-Hochschwarzwald, der sein Verbandskonto als Spendenkonto für die Erdbebenopferhilfe eingerichtet hat. In der Nacht auf Samstag machte sich der Konvoi, der hauptsächlich aus Feuerwehrfahrzeugen mit entsprechender Frachtkapazität, auf die rund 16-stündige Fahrt. An der kroatischen Grenze wird der Hilfskonvoi, der mit Blaulicht die nahende Hilfe signalisierte, von Ortskundigen empfangen und über Nebenstraßen ins Epizentrum geleitet. Weil deutlich mehr Hilfsgüter in Bad Krozingen landeten als auf diesem Transport verladen werden konnte, wird ein zweiter Transport, dieses Mal über unterstützende Speditionen, am Wochenanfang organisiert.