Tanz als gemeinsame Sprache

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mi, 31. Oktober 2018

Theater

"All inclusive" und "Kontaktkunst": In Freiburg arbeiten zwei inklusive Kunst-Projekte auf öffentliche Aufführungen hin.

Der Begriff "Inklusion" ist in aller Munde, im besten Falle ist damit das Recht jedes Menschen auf gleichberechtigte und aktive Partizipation in allen Lebensbereichen gemeint – unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Religionszugehörigkeit, Bildung oder Unterstützungsbedarf. Das fordert auch die 2009 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention, deren Umsetzung allerdings noch in den Kinderschuhen steckt: Die größten Barrieren sitzen nun mal in den Köpfen. Umso erfreulicher, dass in Freiburg gerade zwei vielversprechende inklusive Kunst-Projekte arbeiten und forschen...

"All inclusive", nennt sich das Tanzprojekt unter der Leitung von Katja Gluding und Belinda Winkelmann, deren Akteure sich acht Wochen lang intensiv mit dem Thema Inklusion im Kunstraum beschäftigen. Und damit inhaltlich und formal mit der Normalität der Unterschiede samt deren Hürden und Potenziale. Entwickelt wurde das Konzept von der Kompanie Be und dem neugegründeten Verein com.dance in Kooperation mit der Caritaswerkstatt Freiburg, der Katholischen Hochschule und dem E-Werk.

Verschiedenheit als bereichernde Vielfalt

Das Format ist konsequent: "Wir arbeiten jeden Tag von 9 bis 16 Uhr zusammen, das hat keinen Workshop-Charakter, sondern ist für alle eine Herausforderung", so Tänzerin, Choreographin und Dozentin Katja Gluding, die seit Jahren in Sachen Inklusion leidenschaftlich Pionierarbeit leistet. Ihre Truppe wirkt nach diesem Probetag in der Lutherkirche bestgelaunt: Es wird viel gescherzt und sich herzlich verabschiedet. Vier der sieben Tänzerinnen und Tänzer haben eine geistige Behinderung, hier sind sie erstmals Teil eines Ensembles und werden für ihre künstlerische Arbeit von der Werkstatt freigestellt und entlohnt. Heute experimentierten sie entlang einer improvisierten Straßenszene zum Thema "Besonderheit" im Spagat zwischen den Positionen "Wie gucken die anderen?" und "Ich will gucken!". Die dazugehörigen Projektionen künstlerisch lebendig und sichtbar zu machen, ist dann der zweite Schritt. Ein aufregender Prozess, bei dem es Neugierde, Mut und Ehrlichkeit braucht. "Vor allem aber eine gemeinsame Sprache, dafür ist Tanz ein geniales Medium", so Mitstreiterin Belinda Winkelmann. Auch sie ist davon überzeugt: Gerade Kunst kann Verschiedenheit als bereichernde Vielfalt zeigen und damit wichtige gesellschaftliche Impulse setzen.

Um eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen, wird das Projekt durch Studierende der Katholischen Hochschule begleitet und lädt schon vor der Premiere im Februar 2019 zum Austausch und Mitmachen. Man kann gespannt sein, welche Bilder diese quicklebendige Crew für all die Ängste und Vorurteile findet und wie diese dann auf der Bühne mit Holzboxen, Videoprojektionen und Lichtdesigns umgesetzt werden. Ab Mitte November bezieht "all inclusive" dafür eine vierwöchige Forschungsresidenz im Südufer.

"Kontaktkunst – Inklusion in Aktion", so der Titel des mit 200 000 Euro vom Diakonischen Werk Freiburg und Aktion Mensch geförderten Großprojektes unter der Leitung von Sabine Pitsch. Hier wird spartenübergreifend mit einem erweiterten Inklusionsbegriff gearbeitet: Seit Beginn im Mai im Theater Freiburg treffen sich 50 Menschen wöchentlich über 15 Monate lang und durchlaufen in drei festen Gruppen professionell geführte Labors für Tanz (Olivia Maridjan-Koop), Musik (Ro Kuijpers) und Bildende Kunst (Barbara Wolf). Für eine möglichst große Heterogenität wurden die Teilnehmenden in Jobcentern, Vereinen und Einrichtungen direkt angesprochen, andere kamen durch die Werbung bekannter Projekt-Botschafter. Über das Kunstmachen und die Imagination jenseits gewohnter Denkmuster mit sich und anderen in Kontakt kommen – so das Ziel dieses ambitionierten Konzeptes, das Fremdheit und ihren Ressentiments ganz bewusst Begegnungen entgegen stellen möchte.

Nach einer Vertiefungsphase beginnt die Entwicklung der gemeinsamen, interdisziplinären Performance, die im Mai 2019 im E-Werk Premiere feiert (Regie: Tom Schneider). Dann sollen nachhaltige Folgeprojekte in kleinerem Rahmen initiiert werden. Das Projekt wird dokumentiert, eine Internetpräsenz sowie eine Ausstellung sind geplant. Als Bereicherung "mit vielen, sehr intensiven Erlebnissen", so beschreiben die Teilnehmenden der Reflexionsrunde an diesem Nachmittag ihre Erfahrungen. An Grenzen gestoßen sind sie alle schon mal, ob künstlerisch oder sozial. Doch dann ging es weiter, Richtung Neuland.

"all inclusive":Im Südufer: 7. Dez.,

17–19.30 Uhr: Inklusiver Tanzworkshop mit Diskussion. 11. Dez., 11–16 Uhr: Tag der offenen Probebühne. 14. Dez., 12–18 Uhr: Showing-Work in Progress mit Diskussion. Kontaktkunst: Einstieg bis 10. November möglich. Anmeldung: Tel. 0761/888 91219. sabine.pitsch@diakonie.ekiba.de.