Turbulenzen bei Hofe

Peter Nonnenmacher und Agenturen

Von Peter Nonnenmacher & Agenturen

Mi, 20. November 2019

Panorama

Der britischen Königsfamilie stehen einige Umbrüche bevor / Die Autorität der Queen schwindet.

LONDON.   Besorgt mustern die britischen Royals die Nachwirkungen von Prinz Andrews BBC-Interview. Am Wochenende hat der zweite Sohn (und Liebling) der Queen sich und die königliche Familie in Schwierigkeiten gebracht. Hier und da ist die Rede von "Komplizenschaft" mit einem Sexualstraftäter, Jeffrey Epstein, und von einem möglichen Auslieferungsverfahren. Allein der Gedanke löst Panik aus im Buckingham Palace.

Selbst nachträglich vermag Andrew offenbar nicht zu erkennen, was er angerichtet hat. Seiner Mutter, der Königin, soll er gesagt haben, er betrachte das Interview als "Erfolg". In Wirklichkeit hat sich der Achte der Thronfolge in einem Missbrauchsskandal verheddert. Selbst königstreue Briten gehen davon aus, dass seinen kuriosen Rechtfertigungen kaum zu trauen ist. Dass der Prinz keinerlei Reue und kein Mitleid mit den Opfern zeigte, wird ihm besonders angekreidet.

Jetzt gehen auch Universitäten und Unternehmen auf Distanz zum Prinzen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG etwa unterstützt nicht mehr Andrews Initiative "Pitch@Palace", ein Mentoring-Programm für Start-ups. Auch Andrews Position als Schirmherr der London Metropolitan University und der Huddersfield University wackelt.

Beobachter sind sich einig, dass "die Firma", wie Prinz Philip den Windsor-Clan einmal genannt hat, aus dem Ruder zu laufen droht. Die 93-jährige Monarchin, deren 98-jähriger Gatte sich in den Ruhestand verabschiedet hat, habe die royalen Geschäfte "nicht mehr richtig im Griff", meint die Londoner Times.

In der Tat ist bei den Royals eine schwierige Übergangssituation entstanden. Ohne den für den Zusammenhalt zuständigen Philip an ihrer Seite scheint die Queen unsicherer zu werden. Ihren Ältesten, Thronfolger Charles, betraut sie aber nur mit begrenzter Verantwortung.

Etliche Jahre lang hatten frohe Ereignisse diese Umbrüche vergessen lassen. Die bunten Hochzeiten und die Ankunft vieler Kinder hatten Royalisten zuversichtlich und die Presse versöhnlich gestimmt. Erst als Prinz Philip im Januar einen Autounfall verursachte und es erst nicht für nötig hielt, sich bei den Unfallopfern zu entschuldigen, zogen Zweifel auf. Weitere Unruhen lösten die Distanzierung Harrys von seinem Bruder aus, die Klage der Herzogin Meghan über ihre Behandlung bei Hofe und die Kriegserklärung Meghans und Harrys an die Boulevardpresse. Mehrere Prozesse gegen Medienkonzerne sind in Vorbereitung – offenbar ohne Zustimmung der Queen.

Und nun also Andrew. Manche Windsors befürchten schon eine Horrorphase für das Königshaus wie 1992, als Charles und Diana sich trennten, die Ehe von Andrew und Fergie in die Brüche ging und Schloss Windsor in Flammen stand. Ganz so weit ist es 2019 noch nicht. Aber im Abenddämmer ihrer Zeit auf dem Thron muss die Queen erleben, dass ihre Familie zusehends den Zusammenhalt verliert und ihre eigene Autorität immer mehr schwindet. Dass ihr Enkel Harry womöglich in die USA abziehen wird, während ihr Sohn Andrew dort vielleicht nie mehr hinreisen kann. Turbulente Zeiten stehen nicht nur der britischen Politik, sondern auch der Krone bevor.