Geschichte

Umfassende Ausstellung über den Nationalsozialismus in Freiburg beginnt

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

So, 27. November 2016 um 09:50 Uhr

Kunst (TICKET)

Im Augustinermuseum läuft die große Ausstellung über ein düsteres Kapitel Freiburger Geschichte an. 250 Objekte werden gezeigt, darunter viele Originale. Es ist ein Muss für jeden Freiburger.

Gleich beim Betreten der Ausstellungshalle im Untergeschoss des Freiburger Augustinermuseums erwarten einen, schwarze Schrift auf weißem Hintergrund, Fragen über Fragen in mehreren Sprachen. Um sie zu lesen, muss man den Kopf schräg halten, denn sie sind nicht von links nach rechts geschrieben, sondern verlaufen von oben nach unten die Wand hinunter und auf den Boden: Wie konnte das passieren? Wer ist fremd? Warum schauen wir weg? Wer sind die Täter? Der Besucher wird also, bevor er irgendein Exponat angeschaut hat, direkt angesprochen. Denn Fragen wie diese, die sich auf das beziehen, was den Besucher der Ausstellung "Nationalsozialismus in Freiburg" erwartet, sind aktueller denn je in Zeiten, in denen sich die Gesellschaft radikalisiert.

Dann biegt der Besucher um die Ecke – und ist prompt beim ersten Objekt und mitten in einer aktuellen Freiburger Debatte mit bundesweiter Strahlkraft. In einer Vitrine liegt ein Knauf aus Zement, eine rundliche kleine Kuppel, die ganz oben auf den Ecktürmchen der 1938 von den Nazis zerstörten Freiburger Synagoge thronte. Die Fassadenverzierung wurde im Sommer 2016 bei Ausgrabungen auf dem Platz der Alten Synagoge gefunden, der derzeit neu gestaltet wird. Und zwar wenige Wochen, bevor Denkmalschützer auf die Fundamentreste stießen.

Drei Ausstellungsteile

Die detailreiche Ausstellung ist in drei Teile gegliedert. "Hoffnung und Krise" deckt die Zeit von 1918 bis 1933 ab: das kulturelle, wirtschaftliche, soziale und politische Leben in Freiburg, als die katholische Zentrumspartei traditionell stark war. "Heilsversprechen", der zweite Teil, skizziert, wie das NS-Regime das Volk mit Uniform, Propaganda und Gleichschaltung in den 30er-Jahren einfing und in die Knie zwang. Der dritte Teil steht im Zeichen der Gewalt, von Krieg und der Ausgrenzung von Juden, politisch Andersdenkenden und Menschen, die wegen Herkunft oder sexueller Orientierung verfolgt und getötet wurden.

250 Objekte und viele Originale

Gut 250 Objekte werden gezeigt, etwa die Hälfte davon sind Originale: Zeitungsartikel, Briefe, Flugblätter, Kleidungsstücke, Zeichnungen und Gemälde, Fotografien und Filme und persönliche Gegenstände, fast alles mit Bezug zu Stadt oder der Region. Auf einer Personenschiene, die beide Ausstellungsräume durchzieht, werden 30 Geschichten erzählt: von Tätern und Mitläufern, Grenzgängern und natürlich von den Opfern wie der Jüdin Fanny Grötzinger, die mit 79 am 22. Oktober 1940 ins Lager Gurs deportiert wurde und wenige Wochen später starb. In der Ausstellung ist eines ihrer bestickten Kissen zu sehen, denn mit Handarbeiten besserte die verarmte Freiburgerin ihren Lebensunterhalt auf.

Da ist die Aktentasche des Freiburger SPD-Reichstagsabgeordneten Stefan Meier, der am 23. März 1933 zu jenen 94 mutigen Parlamentariern gehörte, die gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten stimmte. Meier bezeichnete Hitler 1941 gegenüber einer Nachbarin als "größenwahnsinnigen Dschingis Khan". Er wurde denunziert und im KZ Mauthausen ermordet. Perfide ist Elfriede Lautenschlägers Geschichte. Die Freiburgerin bedankte sich bei der Leitung der Heilanstalt für die Pflege ihrer verstorbenen Tochter Erika. Was sie nicht wusste: Ein NS-Arzt hatte Erika im Februar 1944 ermordet, weil sie ein "erbkrankes Kind" gewesen sei.

Die Innenstadt sollte umgebaut werden

Verblüffend ist das größte Objekt der Schau: ein riesiges Gipsmodell der Stadtplaner aus dem Jahr 1937, es stellt die Umbaupläne für die Innenstadt dar. Die Synagoge ist ein Jahr vor ihrer Zerstörung schon nicht mehr da, war in einem "judenfreien" Freiburg nicht mehr vorgesehen; an ihrer Stelle sollte dort ein u-förmiger Universitätsneubau entstehen.

Original-Fotografien

Ein anderer Höhepunkt unter den Exponaten sind die Farbabzüge Egon Fehrenbachs. Der Drogist fotografierte auf dem Münsterplatz Aufmarsch und Kundgebung eines NSDAP-Parteitags im Juli 1939. Beeindruckend ist das Bild jenes Bauern in Tracht, der skeptisch das Treiben beobachtet, während um ihn herum SA-Leute klatschen. Des Weiteren werden mutige Menschen im Widerstand, Hochschulprofessoren wie Arbeiter, und gänzlich Schutzlose wie Susanna Carola Hochherr vorgestellt, die im Alter von drei Jahren in Auschwitz umgebracht wurde.

Was aber kann ein normaler Karteikasten erzählen? Er steht für die "Arisierung", gehörte dem Alpenverein, der 1934 alle jüdischen Mitglieder ausschloss. Nur wer wie der Ökonomieprofessor Robert Liefmann vor 1914 in den Verein eingetreten oder im Ersten Weltkrieg Frontkämpfer war, durfte vorerst bleiben, aber nur bis 1938. Dann mussten alle Juden den Verein verlassen.

Ohne das gemeine Volk hätte der Terror nicht funktioniert

Von den Tätern zu erzählen, war mangels Objekten nicht einfach, zumindest, wenn man Propagandaobjekte nicht in den Mittelpunkt rücken will. Ein Problem, mit dem das Deutsche Historische Museum Berlin bei seiner Hitler-Ausstellung 2010 zu kämpfen hatte: Hitlers Schreibtisch, Hitlers Post, Hitlers Kommode, da half auch ein Gazevorhang zur Verfremdung nicht. Im Augustinermuseum steht die bronzene Hitler-Büste unscheinbar in der Ecke. Und braune SA-Uniformen wurden nicht auf Schaufensterpuppen gezogen, sondern hängen auf Bügeln an einer Stange.

Hitler war 1932 in Freiburg und soll eine schlechte Rede gehalten haben; danach kam er nie wieder. Sein Terror hätte ohne das gemeine Volk nicht funktioniert. Die Ausstellung zeigt deshalb Täter wie den Arzt Eduard Krebsbach, der für Massentötungen kranker Menschen verantwortlich war und 1947 wegen Kriegsverbrechen hingerichtet wurde.

Dem Team der Ausstellungsmacher um Museumsdirektor Tilmann von Stockhausen, den Leiter des Museums für Stadtgeschichte, Peter Kalchthaler, und den Historiker Robert Neisen ist klar, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gab – die dominierenden Farben in der vom Stuttgarter Architekturbüro Demirag konzipierten Schau –, sondern auch millionenfaches Grau: Viele waren "Grenzgänger". Freiburgs Erzbischof Gröber, "der braune Conrad", war so einer. Anfangs glühender Verehrer des Nationalsozialismus, wurde er zum erbitterten Gegner.

Die Schau enthält auf Deutsch, Englisch und Französisch viele Informationen. Die Übersichtlichkeit leidet etwas unter der Enge des Raumes und der Detailfülle, manches ist fragmentarisch, zu klein und zu knapp dargestellt. Auf interaktive Stationen, heutzutage ein viel und klug genutztes und belebendes Ausstellungsinstrument, wurde ganz verzichtet. Dafür gibt es Hörstationen und Filmsequenzen. Eine solche Ausstellung über Freiburg war überfällig; es ist die erste derart umfassende vom Beginn der Weimarer Republik 1918 bis zum Kriegsende 1945. In ihr stecken drei Jahre Planung und viel aufwändige Recherche, eine halbe Million Euro und viele interne Debatten. Die Schau ist ein Muss für Menschen jeden Alters von der Jugend an.
NS in Freiburg

Die Ausstellung ist seit Samstag, 26. November, bis 7. Oktober 2017 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, für Minderjährige Eintritt frei. Ein 286-seitiger Katalog mit Beiträgen der Historiker Heiko Haumann, Ulrich Herbert, Jörn Leonhard, Bernd Martin und Heinrich Schwendemann ist im Michael-Imhof-Verlag für 24,80 Euro erschienen. Es gibt einen von Schülern entwickelten Audioguide (2 Euro) und ein Begleitprogramm. Buchung von Führungen: 0761/201-2501 oder per Mail: museumspaedagogik@stadt.freiburg.de. http://www.freiburg.de/museen

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