UNTERM STRICH: Die auf Eisbären schauen

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Di, 09. Mai 2017

Kolumnen (Sonstige)

Die Arabischen Emirate wollen Eisberge vor ihre Küste schleppen / Von Frauke Wolter.

Wer lockige Haare hat, möchte lieber glatte; wer groß ist, wäre lieber klein, wenn es regnet, ruft jeder nach mehr Sonnenschein – das Gegenteil von dem, was er hat, ist oft des Menschen Wunschtraum. Nehmen wir zum Beispiel die Arabischen Emirate. Dort ist eigentlich immer Sommer, die Wüste lockt mit herrlichen Dünen, auf denen man motorisiert herumcruisen kann, und es gibt Schokolade aus Kamelmilch – was will man mehr?

Man will das Gegenteil: das kühle Weiß ewiger Eisberge, knirschenden Schnee, klirrende Kälte. Längst hat das Eis Einzug gehalten in die Wüstenstaaten: In gigantischen Einkaufsmalls kurven die Kids auf Schlittschuhen oder Skiern in heruntergekühlten Schneelandschaften herum, in Dubai steht der größte Indoor-Snowpark der Welt, in dem sich Eselspinguine und Eisbären tummeln. Draußen 50 Grad Celsius, drinnen minus zwei – nein, wir wollen nicht darüber nachdenken, was das an Energie kostet!

Aber es geht noch größer, noch besser: Ein Unternehmen aus Abu Dhabi will jetzt gigantische Eisberge aus der Antarktis an die Westküste der Emirate befördern. "Die spinnen", könnte man jetzt denken, aber die Sehnsucht nach dem Eis ist gar nicht so unsinnig. Seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchen Forscher, aus den uralten Eisbergen Trinkwasser zu gewinnen. Damals scheiterten die Überlegungen aus technischen und finanziellen Gründen. Heute ist man weiter (und noch reicher): Bereits Anfang 2018 will das Unternehmen aus Abu Dhabi den ersten Eisberg abschleppen; etwa zwölf Monate dauert das Unterfangen, melden die Gulf News. Die Hoffnung: Ein Jahr lang Süßwasser für eine Million Menschen – so jedenfalls lauten die Berechnungen für einen durchschnittlich großen Eisberg. Und wenn dieser dann so vor der Küste vor sich hindümpelt, verändert er auch das Mikroklima (mehr Regen in der Wüste!) und zieht vielleicht weitere Touristen an. Die sollen am Strand liegen und auf Eisbären schauen. Es sei denn, sie wollen das Gegenteil.