UNTERM STRICH: Ein Brief aus Auschwitz-Birkenau

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Di, 29. September 2020

Unterm Strich

Gedenkstätten-Direktor will verurteilten Jungen in Nigeria retten / Von Johannes Dieterich.

Piotr Cywinski (48) ist nicht als Hitzkopf bekannt. Der promovierte Historiker ist seit 14 Jahren Direktor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und ein überzeugter Vertreter des Dialogs zwischen den Religionen. Als der Pole jedoch kürzlich von einem Gerichtsurteil aus dem fernen westafrikanischen Nigeria hörte, war es offensichtlich um seine Contenance geschehen: "Bei einem so schändlichen Urteil kann man nicht gleichgültig bleiben", so Cywinski.

Im nordnigerianischen Bundesstaat Kano war ein 13-jähriger Junge wegen "Gotteslästerung" zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Omar Farouq soll sich im Streit mit einem Freund unflätig über den Allmächtigen geäußert haben. Der Freund informierte seine Eltern, die Scharia-Richter einschalteten. In zwölf der 36 Bundesstaaten Nigerias haben islamische Gerichte nicht nur in geistlichen Dingen etwas zu sagen. Auch wer bei Diebstahl, Ehebruch oder gleichgeschlechtlicher Liebe erwischt wird, kann dort vor die Scharia-Richter gestellt werden.

Als Piotr Cywinski der Fall zu Ohren kam, setzte er einen Brief auf an den nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari. "Als Direktor der Gedenkstätte eines Vernichtungslagers, in dem auch Kinder eingesperrt und ermordet wurden", könne er angesichts dieses Vorfalls nicht schweigen, schrieb er. "Was auch immer der Junge gesagt hat, allein seines Alters wegen kann man ihn nicht zur vollen Verantwortung ziehen." Der Bub werde "körperlich, emotional und in seiner Ausbildung für immer gezeichnet sein".

Um das zu verhindern, unterbreitete Cywinski dem Staatschef ein Angebot. Er selbst werde einen Monat der Haftstrafe übernehmen, und er habe 119 weitere Menschen gefunden, die es ihm gleichtun würden. "So ist der Preis für das Vergehen abgegolten – und wir haben das Schlimmste verhindert."

Noch hat der Präsident nicht reagiert. Auch wenn es ihm nicht zusteht, in die Gerichtsbarkeit einzugreifen. Er hat die Macht, den Jungen zu begnadigen.