UNTERM STRICH: Einfach mal ’ne Füllung setzen

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Mi, 10. Juni 2020

Kolumnen (Sonstige)

In Großbritannien setzt man auf Eigenverantwortung / Von Michael Saurer.

Die Baumärkte in Deutschland erfreuen sich enormer Beliebtheit. Das liegt auch an Friedrich Schiller. Schließlich hielt der schon Anfang des 19. Jahrhunderts ein bahnbrechendes Plädoyer für das Heimwerken, als er in seinem berühmten "Wilhelm Tell" schrieb: "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann".

Do-it-yourself sagt man heute – und das gilt mittlerweile für fast alle Bereiche. Das wiederum liegt nicht an Schiller, sondern an Youtube. Selbst für einen kompletten Hausbau gibt es heutzutage ausführliche Erklärbär-Videos, mit denen man – etwas handwerkliches Geschick vorausgesetzt – sich vom Fundament bis zum Dachstuhl leiten lassen und spätestens beim Richtfest abschätzen kann, ob der Ersteller des Videos überhaupt etwas von der Materie verstanden hat.

Keine Frage: Heimwerken macht Spaß und am Ende schaut man mit Zufriedenheit auf das eigene Werk, das man mit Blut, Schweiß und nicht selten auch Tränen zustande gebracht hat. Das mit dem Blut, dem Schweiß und den Tränen hat übrigens Winston Churchill einmal gesagt und der war bekanntlich Brite. Und in Großbritannien geht man mit dem Heimwerken in diesen Tagen noch einen Schritt weiter, als man das hierzulande tut. Weil wegen des Lockdowns auch die meisten Zahnarztpraxen geschlossen waren, rieten viele Zahnärzte, kleinere Eingriffe selbst zu machen. Im Internet kann man tatsächlich ganze Plomben-Sets samt Anleitung kaufen, mit denen man einfache Füllungen selbst einsetzen kann. Der britische Zahnärzteverband sieht den Trend laut der Nachrichtenagentur AFP allerdings mit Grausen und spricht von einem Rückschritt ins viktorianische Zeitalter, in dem man noch gerne an sich herumgemurkst habe.

Immerhin: Zu Hirn-OPs oder Herztransplantationen gibt es noch keine Erklär-Videos zum Nachmachen. Eine freie Schiller-Interpretation à la "Das Skalpell im Haus erspart den Herzchirurgen" wäre selbst in der heutigen Zeit etwas arg weit hergeholt.