UNTERM STRICH: Glamping, Sänfting, Kopfkissing

Karl Heidegger

Von Karl Heidegger

Do, 23. Mai 2019

Kolumnen (Sonstige)

Glamouröses Campen liegt im Trend – das Modell ließe sich ausweiten / Von Karl Heidegger.

Immer wieder schön, mit welcher Ernsthaftigkeit geschäftige Menschen lukrative Trends erklären. Zum Beispiel: Glamping. Das gilt als zeitgemäße Form des Campings: Camping mit Glamour-Faktor, daher das raffinierte "Gl". Aber Moment mal. Camping lebt doch davon, dass es mit Glamour nichts zu tun hat. Ravioli auf dem Gaskocher, das kann kein Fünf-Sterne-Haus. Das Müffeln des Schlafsacks, ein wackliges Zelt wegen vergessener Heringe, brunftende Hirsche, die garantiert die Nachtruhe stören – für Freiluft-Puristen gehört das zum All-Inclusive-Paket. Campen ist romantisch, weil es unperfekt ist.

Nun aber kommen im Deutschlandradio Kultur plötzlich Menschen zu Wort, die gründlich aufräumen mit althergebrachten Zeltplatz-Mythen. Da beschwören Touristiker das Glamping als "qualitativ gehobene Freizeitform" mit hohem wirtschaftlichem Potenzial und erklären: "Es geht darum, die Natur zu erleben und die Vorzüge des Campings zu genießen, nur ohne dessen Nachteile." Geschehen kann das in ausgebauten Bauwagen, beheizten Baumhäusern, fertig eingerichteten Safari-Zelten oder Chalets mit 50 Quadratmetern und frisch bezogenen, duftenden Betten. Für Großstädter gilt sowas mittlerweile als Naturerlebnis, wenn nebenan Vögel zwitschern und in Sichtweite tatsächlich jemand sein Zelt aufbaut. Übernachten in der Natur, aber bitteschön mit Komfort. Draußen sein, aber möglichst wenig davon merken. Sich wie ein Outdoor-Haudegen in Alaska fühlen, aber nicht ohne Heizung, Warmwasser und einer tollen Kaffeemaschine. Weder Fisch noch Fleisch also, darauf ließen sich ganz andere Trends aufbauen.

Sänfting zum Beispiel: Wandern, indem man sich in einer Sänfte durch die Wutachschlucht tragen lässt. Oder E-Röhring: PS-Protzfahrten mit einem Elektroauto, das den Sound eines Benzin-Boliden imitiert. Und wie wär’s mit Kopfkissing, leidenschaftlichen Küssen auf den Hinterkopf der Partnerin? Okay, lassen wir das. Auf dem Campingkocher wartet eine Dose Ravioli. Mit Kaviar und Goldüberzug.