UNTERM STRICH: Krawatte aus der Bibliothek

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Mi, 31. Oktober 2018

Kolumnen (Sonstige)

In New York kann man Utensilien fürs Bewerbungsgespräch ausleihen / Von Niklas Arnegger.

Der Mensch wird selten nur aufgrund innerer Werte beurteilt (falls solche überhaupt vorhanden sind.) Auch gibt es über diesen Gegenstand unterschiedliche Ansichten. Euripides mahnte, auf den Geist zu schauen: "Denn was nützt ein schöner Körper, wenn in ihm nicht eine schöne Seele wohnt." Gegenteiliger Ansicht ist die Fernsehfilosofin Barbara Schöneberger. Sie freue sich, wenn Männer ihr Dekolletee lobten. "Denn sonst werde ich zu sehr auf meine inneren Werte reduziert." Nun ja.

Vor allem bei Bewerbungsgesprächen kommt es auch darauf an, einen guten Eindruck zu machen. Oder, wie ein Ratgeber schwadroniert: "Durch die sorgfältige Auswahl der Kleidung und ein gepflegtes Äußeres drückt man seine Wertschätzung gegenüber dem Gesprächspartner aus." Tattoos und Piercings kommen bei den normalerweise stockkonservativen Personalern nicht gut an, es sei denn, man oder frau bewirbt sich in einem entsprechenden Studio.

Weil in derlei Fragen viele junge Leute beklagenswerte Geschmacksdefizite aufweisen, hat die sowohl ehrwürdige wie hochmoderne New Yorker Stadtbibliothek NYPL – ja, die mit dem Beaux-Arts-Tempel in der Fifth Avenue – sich was ausgedacht. Man kann dort jetzt passende Krawatten, Hand- und Aktentaschen und andere Utensilien drei Wochen lang ausleihen, um bei Bewerbungsgesprächen nicht unangenehm aufzufallen. Den Rat, sauber und gepflegt zu sein, eine Frisur à la Trump möglichst zu meiden, den Rotz nicht hochzuziehen und vorher nicht in Parfüm zu baden, gibt es wahrscheinlich kostenlos dazu.

Klamottenmäßig sollte also weder unter- noch übertrieben werden. Als mahnendes Beispiel diene der Schneider Wenzel Strapinski, der in Gottfried Kellers Novelle "Kleider machen Leute" wegen seiner vornehmen Kleidung als Graf durchgeht und von dieser Rolle nicht mehr runterkommt. Die Geschichte geht trotzdem gut aus. Das unterscheidet halt Literatur vom richtigen Leben.