UNTERM STRICH: Schummel dich rein

Ronja Vattes

Von Ronja Vattes

Di, 09. Februar 2021

Unterm Strich

PR-Trick für Fernwehgeplagte: Virtuell verreist bei Videokonferenzen / Von Ronja Vattes.

Die Zeitungen stapeln sich im Wohnzimmer, die Fenster sind so trüb wie das Winterwetter davor, nur die Wollmäuse feiern unterm Sofa flockige Partys. Was bleibt, ist ein Schulterzucken: Warum aufräumen und putzen, wenn wir alle doch eh keinen Besuch bekommen dürfen?

Wären da nicht noch die lästigen Videokonferenzen. Während wir zu Beginn der Pandemie wenigstens dafür alles, was im Blickfeld der Kamera zu sehen war, gefeudelt und nett arrangiert haben, wissen wir nach so vielen Monaten längst: Selbst das ist unnötig. Einfach im Meeting den Hintergrund mit technischer Hilfe weichzeichnen, schon sieht die Unordnung wie ein pastellgetupftes Monet-Gemälde aus.

Oder wir beamen uns mit einem Klick in eine völlig andere Umgebung. Als virtuellen Hintergrund wählen Romantiker den Sonnenuntergang des letzten Sommerurlaubs und Möchtegern-Karrieristen ein Foto des eigenen Büros, um Betriebsamkeit vorzutäuschen, obwohl sie gechillt im Homeoffice beim dritten Stück Kuchen sitzen.

Nun haben clevere Tourismusexperten das Segment der digitalen Fototapete für sich entdeckt: Großzügig verschicken sie Fotos per Mail oder bieten auf Plattformen perfekte Bilder zum Download an. Malediven mit Sonne satt und glasklarem Meer. Ein Leuchtturm auf Long Island. Oder Arizonas gewaltige Schönheit, der Grand Canyon. Irgendwo weist zwar bisschen doof ein Schriftzug auf die Destination hin, aber immerhin sind die Bilder kostenlos. Da machen wir die Schleichwerbung doch gerne mit, was ist schon dabei? Alaska im Winter: Cool! Ein Pool auf Ibiza: Hot! Virtuell im Museum stehen: Super! Ein ganzes Bilderpaket als Diashow runterladen: Jippie.

Sicher werden auch andere diese PR-Nische für sich entdecken. Und irgendwann ist es dann soweit: Nach dem Palmenstrand wechselt das Bild jäh auf Werbung für neue Sanitäranlagen – und wir sitzen beim wichtigen Meeting mit dem Chef unverhofft auf der Schüssel. Auch für die Karriere: ein echter Griff ins Klo.