UNTERM STRICH: Speckrolle statt Toilettenrolle

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Do, 25. Februar 2021

Unterm Strich

Haben die Deutschen im zweiten Lockdown resigniert? / Von Otto Schnekenburger.

"Sage mir, was du kaufst, und ich sage dir, wer du bist", hat der Soziologe und "Science Slammer" Jörn Höpfner mal ein Buch betitelt, für das er seinen Zeitgenossen in deren Einkaufswagen blickte. Sage mir, was du in der Krise kaufst, und ich sage dir, wie du eine Krise bewältigst, wäre im Frühjahr 2020 zu ergänzen gewesen. Indem das Volk der Dichter und Denker während des ersten Lockdowns zu einem Volk der Käufer von Klopapier (neben Nudelwaren) wurde, schien es sich entschieden zu haben, die Pandemie – ganz nach dem Vorbild seiner Kanzlerin – einfach auszusitzen.

In der zweiten Welle nun ist vieles nicht mehr, wie es war. Tiefkühlpizza, Schokolade, Speiseeis, Marzipan, Nougat, Brauseartikel und Lutscher haben die Charts der deutschen Hamsterkäufer erobert, wie jüngste Daten des Marktforschungsunternehmens IRI zeigen. Außerdem Alkohol. Im Kampf gegen den Corona-Bauch wird die weiße Flagge gehisst. Hinzu kommen dramatische Umsatzrückgänge bei Drogerieartikeln im Bereich Hairstyling (minus 23,2 Prozent), Lippenpflege (minus 24,1 Prozent) und Parfüm (minus 23,2 Prozent). Monate voller Homeoffice und Homeschooling haben offenbar Spuren hinterlassen, der eigene Haushalt und diese eine weitere, nicht im Haushalt lebende Person reichen als Motiv offenbar nicht aus, sich ab und an zurechtzumachen. Oder macht der Mindestabstand von 1,5 Metern Parfüm schlicht verzichtbar? Resignation, Lethargie und Heißhunger auf Kalorien haben Einzug gehalten, wo einst ein Überlebenswille bis zu letzten Rolle bestand.

Apropos Rolle: Das Toilettenpapier, dem Corona im Frühjahr noch schwindelerregende Absatzzahlen bescherte, wurde in den ersten Wochen des bis heute anhaltenden Lockdowns sogar schwächer nachgefragt als zuvor. Ist den Deutschen alles scheißegal geworden? Es bleibt die Hoffnung, dass die Speicher, die sich in den Tagen füllten, als wir lernten, was ein R-Wert ist, einfach noch nicht zur Gänze geleert sind.