UNTERM STRICH: Von der Totenwache in die Fulda

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Sa, 02. Januar 2021

Unterm Strich

Ein Schwan trauert im Gleisbett – und ist im Tierreich nicht allein / Von Otto Schnekenburger.

Trauern auch Tiere? Viele Wissenschaftler würden diese Fähigkeit gleich mehreren Arten attestieren, manchen Affen sogar die Gabe, Mitleid zu empfinden. Zudem existieren diverse Anekdoten als Belege. Etwa die von Hachiko, einem Hund aus Tokio, der nach dem Tod seines Besitzers zehn Jahre lang jeden Tag zu dem Zug trottete, mit dem sein Herrchen zu Lebzeiten stets ankam. Affen reagierten auf Todesfälle schon mit übermäßigem Lausen, Lethargie oder Aggressionen. Und Elefanten, die mehrfach zu den Knochen ihrer Artgenossen zurückkehren, werden mit Friedhofsbesuchern verglichen.

Um eine Tier-Trauer-Anekdote reicher sind alle Zweibeiner seit dem, was sich jüngst auf den Bahngleisen zwischen Kassel und Göttingen abspielte. Ein Schwan trauerte dort um seinen Artgenossen, der sich in der Oberleitung verfangen hatte. Er legte so über Stunden hinweg den Bahnverkehr in Nordhessen lahm, 23 Züge hatten wegen seiner Totenwache Verspätungen von jeweils rund 50 Minuten.

Die Feuerwehr musste letztlich anrücken und den nicht wegzulockenden Schwan mit "speziellem Equipment" von den Gleisen heben. Anschließend wurde er in der Fulda ausgesetzt. Je nach Grad von Tierliebe oder ökonomischer Ratio mag man das als Störung einer Andacht oder als schlichte Notwendigkeit empfinden. Es ist – so oder so – zu hoffen, dass das Tier im Quellfluss der Weser auf andere Gedanken gekommen ist, vielleicht gar schnell neue Weggefährten gefunden hat.

Dann hätte es seiner Artgenossin vom Aasee in Münster etwas voraus. Die schwarzgefiederte Petra schrieb mit ihrer wenig erwiderten Liebe zu einem weißen Tretboot in Schwanenform jahrelang Schlagzeilen. Romane wurden über ihr Schicksal verfasst, eine Ratsfraktion wollte sie ins Stadtwappen aufnehmen, selbst Thiel und Boerne vom Münsteraner "Tatort" bauten sie in eine Folge ein. Viel Ruhm für einen Schwan. Aber Petra soll auch viele Jahre gebraucht haben, bis wieder ein Artgenosse aus Fleisch und Blut ihr ständiger Begleiter wurde.