UNTERM STRICH: Warum Frankreich schrumpft

Knut Krohn

Von Knut Krohn

Fr, 07. Mai 2021

Unterm Strich

Ein belgischer Bauer stört sich an einem Grenzstein – und legt Hand an / Von Knut Krohn.

Entwarnung an der belgisch-französischen Grenze: Es droht kein Krieg. Die Außenminister beider Staaten werden nicht einberufen, auf diplomatische Depeschen wird verzichtet, die Causa kann auf dem kleinen Dienstweg zwischen den Rathäusern im belgischen Dorf Erquelinnes und dem französischen Bousignies-sur-Roc geklärt werden. Es geht um einen ver-rückten Grenzstein.

Der unerlaubte Eingriff in die Hoheitsgebiete wäre wohl unentdeckt geblieben, wäre ein geschichtskundiger Mensch nicht in einem kleinen Wald spazieren gegangen, der die Staaten trennt. Denn der Wanderer bemerkte, dass an einem Baum ein herrenloser Grenzstein lehnte. Das Rätsel, wie der 200 Jahre alte Stein dorthin gekommen ist, war schnell gelöst. Ein belgischer Bauer räumte ein, dass ihn das Teil beim Pflügen gestört hat, weshalb er ihn um knapp zwei Meter verrückte.

"Er hat Belgien größer und Frankreich kleiner gemacht, das ist keine gute Idee", sagte David Lavaux, Bürgermeister von Erquelinnes, gegenüber dem französischen Fernsehsender TF1. Zwischen Nachbarstaaten drohe eine solche Tat ungeahnte Folgen zu haben. Lavaux räumt allerdings ein: "Ich war zuerst glücklich, denn meine Stadt war plötzlich größer."

Doch seine Kollegin aus dem französischen Bousignies-sur-Roc sei mit dem neuen Grenzverlauf nicht einverstanden gewesen. "Wir sollten in der Lage sein, einen Grenzkrieg zu vermeiden", konterte Aurélie Welonek, Bürgermeisterin im Nachbardorf. Wobei in dieser amüsierten Bemerkung auch eine Drohung versteckt sein könnte. Die örtlichen belgischen Behörden wollen der Sache nachgehen und den Landwirt bitten, den Stein wieder zurückzutragen. Tut er das nicht, könnte es doch noch zu zwischenstaatlichen Verwicklungen kommen. Der Fall könnte beim belgischen Außenministerium landen, das eine seit 1930 ruhende französisch-belgische Grenzkommission einberufen müsste. Beide Seiten sind aber weiter zuversichtlich, dass die Angelegenheit einvernehmlich gelöst werden kann.