Pandemie

Vielleicht ist es ja auch ein kleiner Erziehungstrick

Julia Vintrici

Von Julia Vintrici (Freiburg)

Mo, 19. Oktober 2020

Leserbriefe

Zu: "Krankenhäuser sind vorbereitet", Beitrag von Bernhard Walker und Agenturen (Politik, 9. Oktober)
In diesem Artikel wird gefragt, warum die Infektionszahlen in Deutschland beziehungsweise in Baden-Württemberg wieder so stark steigen, und viele Politiker sowie Experten werden zitiert. Mich wundert es allerdings, dass keiner auf die einfache Idee kam, dass diese rasche Steigung auf die Zeit des rasch abgekühlten Wetters kam, was Ende September/Anfangs Oktober eher gewöhnlich ist. Und das Coronavirus bekanntlich von der kalten Saison profitiert.

Im Übrigen sieht die pandemische Statistik gar nicht alarmierend aus: Im Vergleich mit März/April sind die positiven Fälle pro 100 000 Tests (also Vergleichswert von Ganzem) um das Zehnfache zurückgegangen, die Todesfälle und Intensivpatientenzahl sind seit Anfang September zweifach gestiegen – also genau so viel wie die Anzahl der Infizierten. Das heißt: Die Situation zumindest im Vergleich zu den letzten Monaten bleibt stabil, wenn es akzeptiert wird, dass die Ansteckungsraten kaltsaisonbedingt ansteigen. Die Frage ist, ob der Politik diese einfache lebensnahe Erklärung ausreichen wird. Mit der kann man nicht die im Moment planbaren oder schon durchgesetzten Maßnahmen rechtfertigen.

Ich stehe als medizinnaher Mensch jedenfalls für Vor-, Ein- und Nachsicht während Pandemie. Das ständige Lüften, Abstand, das Vermeiden unnötiger Kontakte und besonders fleißige Eigenhygiene sind unabdingbar, aber diese ständige Hysterie der Politik scheint mir längst übertrieben zu sein. Vielleicht ist es ja auch ein kleiner Erziehungstrick wie bei der Kindererziehung aus den guten alten Zeiten? Mache aus der einfachen Sache etwas beängstigend Schlimmes, und das Kindlein wird sich brav und vernünftig verhalten? "Geh nicht Hänsel in den Wald nachts, dort triffst du auf eine böse, böse kinderfressende Hexe..." Sehen/empfinden wir uns aber wirklich in Kinderschuhen? Und muss für diesen "Trick" die ganze Volkswirtschaft tatsächlich bezahlen?Julia Vintrici, Freiburg