Vom "Börgmester" zum Russland-Versteher

Jan Dörner

Von Jan Dörner

Fr, 16. Oktober 2020

Deutschland

IM PROFIL:Johann Saathoff erbt als neuer Beauftragter für die Beziehungen zu Russland eine Reihe von Konfliktthemen.

Johann Saathoff hat im Bundestag einmal in einer Debatte über Sprachpolitik eine Rede weitgehend in Plattdeutsch, seiner Muttersprache gehalten. "Tosamenwassen in de Welt geiht nur, wenn man sük tegensiedig unnerhollen un verstahn kann", Zusammenwachsen in der Welt geht nur, wenn man sich miteinander unterhalten und verstehen kann, war ein Fazit des SPD-Bundestagsabgeordneten aus Ostfriesland. Jetzt paukt der 52-Jährige Russisch.

Saathoff ist seit Ende August Russlandbeauftragter der Bundesregierung. Die Buchstaben des kyrillischen Alphabets kann er inzwischen, für den Austausch mit seinen neuen Gesprächspartnern will er schnell die wichtigsten Höflichkeitsformen lernen. Zu Saathoffs Aufgabenfeld als Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit gehören Russland und elf weitere Staaten in Osteuropa und Zentralasien. Seit ihn SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und Außenminister Heiko Maas fragten, ob er das Amt von dem zum stellvertretenden Fraktionschef ernannten Dirk Wiese übernehmen will, hat sich die Region zum Brennpunkt entwickelt. "Das war so natürlich nicht vorhersehbar", sagt Saathoff. "Die aktuellen Konflikte machen die zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den zwölf Partnerländern noch dringlicher als bisher."

Mit Russland liegen Deutschland und die EU im Konflikt um die Vergiftung des Regierungskritikers Alexej Nawalny, Belarus wird von den Massenprotesten gegen Machthaber Alexander Lukaschenko erschüttert und um die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittene Region Berg-Karabach ist ein erneuter Krieg ausgebrochen. Fast täglich ändert sich die Lage. Erst am Mittwoch einigten sich die EU-Staaten im Fall Nawalny auf Sanktionen gegen sechs russische Regierungsvertreter und eine Organisation. "Ich hoffe, dass diese Maßnahmen in Russland zu einem Umdenken führen", sagt Saathoff. "Es müsste eigentlich in Russlands eigenem Interesse liegen, diesen Fall strafrechtlich aufzuarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen." Doch bisher sei von russischer Seite keine Aufklärung zu sehen.

Die Debatte um einen Stopp der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 als Reaktion auf den Fall Nawalny verfolgt der Niedersachse mit besonderem Interesse. Er ist nicht nur "Lotse", also Vorsitzender, der SPD-Küstengang, eines Zusammenschlusses von sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten aus den Küstenländern. Er hat sich auch als Energieexperte seiner Fraktion einen Namen gemacht. "Aus nationaler Sicht und aus Sicht eines Energiepolitikers sehe ich einen Stopp von Nord Stream 2 nicht als geeignete Reaktion auf den Fall Nawalny", sagt er. "Damit würden wir nicht nur Russland, sondern auch uns selbst massiv schaden."

Saathoff ist in Emden geboren, sein Vater war Hafenarbeiter, seine Mutter flickte Netze für einen Fischereibetrieb und wurde pro Knoten bezahlt. Nach mehreren Jahren in der Verwaltung begann der fünffache Familienvater seine politische Laufbahn 2003 als Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn, in seiner Bürgersprechstunde "Tass Tee mit Börgmester" sprach er Platt. Seine Verbundenheit mit dem Land hinter dem Deich und seinen Menschen ist Saathoffs Markenkern als Politiker. Bei seiner ersten Kandidatur 2013 holte er im Wahlkreis Aurich-Emden 50,3 Prozent der Erststimmen. Vier Jahre später gewann er den Wahlkreis mit 49,6 Prozent, dem besten Ergebnis aller SPD-Direktkandidaten.

Als Regierungsbeauftragter würde Saathoff jetzt gerne nach Moskau und Minsk, Baku und Bischkek reisen. Doch Corona zwingt ihn in viele Telefonate und Videokonferenzen. Saathoff findet das "belastend", zumal er damit rechnen muss, dass seine Aufgabe mit der Bundestagswahl im nächsten Herbst bereits wieder endet. Auf die Frage nach seinen Zielen in dem Amt antwortet auch der Energieexperte Saathoff: "In den zwölf Ländern meines Aufgabenbereichs gibt es in dieser Hinsicht schier unendliche Ressourcen mit unglaublichen Potentialen an Wind- und Solarenergie", sagt der Sozialdemokrat. "Ich möchte bei dem ein oder anderen Entscheidungsträger den Gedanken anregen, wie schnell, zuverlässig und günstig die Energieversorgung seines Landes auf erneuerbare Quellen umgestellt werden könnte."