Vom Star zum Eiszwerg

Till Mundzeck

Von Till Mundzeck (dpa)

Di, 18. Februar 2020

Panorama

Vor 90 Jahren wurde Pluto entdeckt / Bis zu seiner Herabstufung galt er als Planet im Sonnensystem.

HAMBURG (dpa). Kaum ein Himmelskörper erhitzt die Gemüter wie der Eiszwerg Pluto am Rande unseres Sonnensystems: Noch nach mehr als einem Jahrzehnt hält die Diskussion um seine Degradierung zum Zwergplaneten an, die von der Internationalen Astronomischen Union IAU 2006 beschlossen worden war. Zum 90. Jahrestag der Pluto-Entdeckung hat das Hamburger Planetarium eine Initiative gestartet, um Pluto wieder in die Riege der Planeten aufzunehmen.

Die ferne Eiswelt hat Clyde Tombaugh am 18. Februar 1930 von am Lowell-Observatorium in Flagstaff (US-Bundesstaat Arizona) aufgespürt. Das Observatorium will zum Jahrestag der Entdeckung ein eigenes Pluto-Festival veranstalten. "Die Entdeckung Plutos war von großer Bedeutung, da es der erste Vorstoß in den Kuipergürtel in den Außenregionen des Sonnensystems gewesen ist", sagt IAU-Sprecher Lars Lindberg Christensen. Der Kuipergürtel jenseits des Planeten Neptun ist eine Art eisiges Archiv. In ihm tummeln sich Millionen urtümliche Brocken aus der Frühzeit des Sonnensystems – einige darunter von ähnlicher Größe und Masse wie Pluto. "Pluto war unser erster Hinweis darauf, dass das Sonnensystem einen enormen Fundus gefrorener Himmelskörper besitzt, die bei der Entstehung der Planeten übrig geblieben sind", sagt US-Astronom Mike Brown vom California Institute of Technology (Caltech). Er war es, der den Zwergplaneten Eris entdeckt hatte. Dies gab den letzten Anstoß Pluto herabzustufen.

Nach der Entdeckung war Pluto als neunter Planet unseres Systems eingestuft worden. Damals hielten ihn die Astronomen noch für deutlich größer, mindestens so groß und schwer wie die Erde. Der Marsforscher Percival Lowell (1855-1916) hatte 1905 postuliert, dass es jenseits des Neptun einen Planeten geben müsse, dessen Schwerkraft für leichte Unregelmäßigkeiten in der Neptunbahn verantwortlich sein sollte.

Diesen "Transneptun" suchte Lowell an seinem Observatorium vergeblich. Sein Nachfolger Vesto Slipher stellte 1929 schließlich den jungen Amateurastronomen Tombaugh ein, um die Suche fortzusetzen. Tatsächlich stieß der damals 24-Jährige auf den unbekannten Himmelskörper – ein Zufall, wie sich später herausstellte. Denn Pluto ist entgegen der ursprünglichen Annahmen winzig, nur etwa ein Drittel so groß und ein Fünftel so schwer wie unser Mond und kann damit Neptuns Umlaufbahn nicht beeinflussen.

Die Nachricht von der Entdeckung, die am 13. März 1930 zu Lowells 75. Geburtstag bekannt gemacht wurde, stieß weltweit auf großes Interesse. Immerhin war es der erste Neuzugang im Planetensystem, seit 84 Jahre zuvor der Neptun erspäht worden war. Pluto erlangte eine Art Popstar-Status: Walt Disney benannte den Comic-Hund seiner Figur Micky Maus nach dem neuen Planeten, und das Element Plutonium verdankt ihm seinen Namen.

Forscher hadern mit der

Herabstufung Plutos

Der Name Pluto stammte nicht von Tombaugh, der nach der Entdeckung als Astronom und Universitätsprofessor Karriere machte, sondern von einem elfjährigen Mädchen aus England: Der Großvater von Venetia Phair aus Oxford hatte dem Mädchen 1930 etwas über den Planeten aus der Zeitung vorgelesen. "Ich hatte von den griechischen und römischen Legenden in Kinderbüchern gelesen und kannte das Sonnensystem und die Namen der anderen Planeten", erzählte die 87-jährige Phair 2006 der US-Raumfahrtbehörde Nasa. "Also dachte ich, diesen Namen gibt es noch nicht." Phairs Großvater berichtete einem befreundeten Astronomen von der Idee, der sie an die Entdecker vom Lowell-Observatorium übermittelte.

76 Jahre lang galt Pluto als neunter Planet unseres Sonnensystems. Astronomen stießen jedoch auf ähnlich große Objekte in den eisigen Gefilden des Kuipergürtels. Die Entdeckung von Eris, so groß wie Pluto und sogar schwerer, erforderte eine Entscheidung: Entweder war Eris der zehnte Planet, oder Pluto musste seinen Planetenstatus verlieren. Die Vollversammlung der IAU entschloss sich 2006 in Prag zur Degradierung und führte die neue Gruppe der Zwergplaneten ein. Im Gegensatz zu Planetenhaben diese ihre Umlaufbahn nicht von anderen großen Objekten freigeräumt.

Bis heute hadern Forscher mit dieser Herabstufung. "Die aktuelle Definition der IAU basiert auf einer Momentaufnahme des Planetensystems, die weder sinnvoll noch wissenschaftlich weiterführend ist", argumentiert der Hamburger Planetariumsdirektor Thomas Kraupe auf der Internetseite seiner Initiative, www.plutoforplanet.de.Und Nasa-Chef Jim Bridenstine bekannte auf dem 70. Internationalen Astronautik-Kongress: "Ich bin hier als Nasa-Chef um euch zu sagen, dass ich glaube, dass Pluto ein Planet ist." Die Erkenntnisse der Nasa-Sonde New Horizons, die 2015 Pluto besucht hatte, erforderten eine Neubewertung der Einstufung, argumentierte der Nasa-Chef.

Tatsächlich hatte sich der Sonde eine abwechslungsreiche Landschaft auf Pluto offenbart, die sich in ihrer Vielfalt mit der Erde messen kann: Auf Pluto gibt es Tiefebenen, Gletscher und Gebirge aus Wassereis, rötlich schimmernde organische Verbindungen, Nebel in einer extrem dünnen Atmosphäre und möglicherweise einen unterirdischen Ozean.