Wer nur nimmt, wird unzufrieden

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Di, 02. Februar 2021 um 12:18 Uhr

Kolumnen (Sonstige)

Geben und Nehmen sollten in einer Beziehung im Gleichgewicht sein. Sonst droht sie zu zerbrechen, sagt die Freiburger Paartherapeutin Hanna Neufang.

Geben und Nehmen – das ist eines der großen Themen in jeder Paarbeziehung. Zumindest, wenn das Hochgefühl frischer Verliebtheit verflogen ist und der Alltag mit seinen Niederungen Einzug gehalten hat, wenn es gilt, ein gemeinsames Leben zu organisieren, wenn gar Kinder kommen … Dann tritt an die Stelle der Logik der Liebe, die nicht aufrechnet, die Logik der Partnerschaft oder des Tauschs. Dann wird verhandelt, gerechnet, gegeneinander abgewogen: Heute bringe ich die Kleine ins Bett, dafür kann ich morgen ausschlafen. So weit so normal, so unproblematisch – "solange das wechselseitige Geben und Nehmen sich die Balance hält", sagt Hanna Neufang. Leider, so hat die Freiburger Paartherapeutin festgestellt, "polarisieren sich viele Paare". Und die Waage gerät aus dem Gleichgewicht. Anders als man vielleicht erwartet, ist es nun in vielen Fällen aber nicht so, dass der überwiegend Gebende, der ja stärker belastet ist, rebelliert, sondern der Nehmende. "Er ist unzufrieden, weil er sich klein und schwach fühlt." Und entschließt sich womöglich zur Trennung, um diese Rolle loszuwerden. Dieses Bedürfnis nach Gerechtigkeit, hat die kontextuelle Therapie festgestellt, kann sogar über Generationen hinweg wirken, wenn etwa ein Enkel versucht, das Unrecht auszugleichen, das dem Großvater widerfahren ist.