Para-Biathlon

Wie Ex-Biathlet Robin Wunderle zum Para-Guide wurde

Niko Rhein

Von Niko Rhein

Mo, 23. März 2020 um 17:00 Uhr

Biathlon

Was tun, wenn die eigene Biathlon-Karriere ins Stocken gerät? Vor dieser Frage stand Robin Wunderle vom SC Todtnau, nun hat er ein neues Ziel: Als Para-Guide für Nico Messinger zu den Paralympics kommen.

Eigentlich ist am 13. Januar 2020 alles wie so häufig im bisherigen Leben von Robin Wunderle. Im enganliegenden Rennanzug und mit den schulterhohen Stöcken bewaffnet, sprintet der 22-Jährige auf seinen Skating-Skiern die Langlaufstrecke am Dresdner Königsufer entlang. Nur, dass er sich immer wieder umdreht und hinter sich blickt. Nicht, um den Abstand zu seinen Verfolgern abschätzen zu können. Er will sich vergewissern, dass Nico Messinger hinter ihm ist. Denn Wunderle läuft an diesem Tag nicht nur für sich und seinen eigenen sportlichen Erfolg. Er läuft als Para-Guide für den sehbehinderten Messinger. Als dessen Begleitläufer beim Para-Ski-Weltcup in der Landeshauptstadt Sachsens.

Seit vergangenem Herbst bildet Wunderle mit dem von Geburt an stark sehbehinderten Wintersportler eine Trainings- und Wettkampfgemeinschaft. "Mein Mitbewohner hat mich darauf angesprochen, dass er einen Para-Biathleten kennt, der einen neuen Guide sucht", berichtet Wunderle über die Umstände des Zusammentreffens mit Messinger. Eigentlich hatte er andere Pläne. Bis vor einem knappen Jahr strebte der Sportsoldat des SC Todtnau noch eine Profilaufbahn im Biathlon an. Er wollte selbst einmal Weltcup-Rennen fahren.

"Da habe ich gedacht: Ich hör’ auf, es hat keinen Sinn mehr." Robin Wunderle über das Ende seiner Biathlon-Laufbahn
Mit elf Jahren ging Wunderle die ersten Schritte im Biathlon. "Mein Onkel hat mich mit auf den Notschrei genommen", sagt er. "Eigentlich wollte ich Langlauf machen – es gab aber nur Biathlon." Mit der Zeit wurde der gebürtige Freiburger immer besser im dualen Wettbewerb aus Langlauf und Schießen. Er wechselte die Schule, ging auf das Skiinternat Furtwangen (SKIF). Nach dem Abitur trainierte er in Freiburg weiter und wurde schließlich zum von der Bundeswehr geförderten Profi. "Doch in den letzten ein bis zwei Jahren lief es nicht mehr so gut", sagt der 1,93 Meter große Wintersportler. "Die Trainingsleistung hat zwar gepasst, aber in den Wettkämpfen konnte ich das oft nicht bestätigen." Wunderles Gefühl, dass es für die ganz große Karriere nicht reicht, verfestigte sich bei der deutschen Meisterschaft im vergangenen Jahr, als er die Qualifikation für die Winterwettkämpfe verpasste: "Da habe ich gedacht: Ich hör’ auf, es hat keinen Sinn mehr." Gedanklich verabschiedete er sich von seinem beruflichen Dasein als Wintersportler. Und dann traf er auf Messinger.

Akustisches Signal zeigt an, wann die Zielscheibe korrekt anvisiert ist

Mit dem 25-jährigen Automobilkaufmann, der eine Restsehstärke von fünf Prozent besitzt und bereits an den Paralympics 2018 in Südkorea teilnahm, trainiert Wunderle vier bis fünf Mal pro Woche. Die Trainingsgestaltung ist dabei nicht sonderlich anders als Wunderle es gewohnt ist. Nur beim Schießen gibt es einen gravierenden Unterschied: Messinger schießt mit einem Lasergewehr. Ein akustisches Signal zeigt ihm an, wann er die Zielscheibe korrekt anvisiert. Im Wettkampf führt Wunderle seinen Schützling zum Schießstand, ansonsten darf der Para-Guide nicht eingreifen. "Die Schießzone ist ein absoluter Ruhebereich", so der Ex-Biathlet. "Ich schaue nur, dass Nicos Ski nicht die Markierungen überschreiten."

"Im Sommer könnte Nico im Prinzip alleine laufen, da kann er die Umrisse ganz gut erkennen." Robin Wunderle
Bei der anderen Teildisziplin übernimmt der Begleitläufer einen aktiveren Part. Er skatet vorweg, damit sich der Para-Sportler an ihm orientieren kann. "Im Sommer könnte Nico im Prinzip alleine laufen, da kann er die Umrisse ganz gut erkennen", sagt er. "Im Winter ist das anders: durch den hellen, weißen Schnee sieht er sehr schlecht, da braucht er mich als Orientierungspunkt." Große Ansagen müsse er nicht machen. Wo die größte Herausforderung für ihn als Guide liege? "Dadurch, dass man zu zweit läuft, muss ich natürlich permanent mein Tempo dem von Nico anpassen." Das sei "nicht ganz einfach, weil es immer auch von seiner Tagesform abhängt, wie schnell Nico ist".

Gemeinsam mit Messinger Geschwindigkeit aufzunehmen, bereitet Wunderle große Freude. "Langlauf macht eh’ so viel Spaß. Wenn ich dann noch jemandem dabei helfen kann, sich zu verbessern, ist das natürlich umso cooler." Im Training treten die beiden Langläufer mitunter gegeneinander an, um sich zu pushen. "In der Regel kann ich diese kleinen Sprint-Duelle aber schon für mich entscheiden", sagt Wunderle schmunzelnd, dessen jüngerer Bruder Kevin im vergangenen Jahr ebenfalls mit dem Biathlon aufgehört hat.

Vor zwei Jahren war der Freiburger Messinger bei den Paralympics in Südkorea Fünfter im Langlauf

Das Tandem aus Ex-Biathlet und Para-Sportler bietet jeweils Vorteile. Durch die neue Tätigkeit hat sich der Vertrag des Todtnauers bei der Bundeswehr verlängert. Und während Messinger mit einem ehemaligen Profi trainieren kann, darf Wunderle erstmals an Weltcup-Rennen teilnehmen – eine Möglichkeit, die ihm als Aktiver verwehrt blieb. Messinger hat bereits Erfolge hingelegt: Bei den Paralympics war er Fünfter (Langlauf) und Neunter (Biathlon), dazu gewann er vor einem Jahr WM-Bronze mit der deutschen Mixed-Staffel im Langlauf.

Sportlich geht es bei Wunderle fast immer zu, auch dann, wenn er nicht auf Skiern steht. Wenn die Zeit es zulässt, spielt er Fußball – mit seinen Kumpels auf dem Bolzplatz. Oder im Verein. "Während meiner Zeit im Skiinternat habe ich angefangen, beim FC Schönwald in der Kreisliga A zu spielen", sagt er. "Mittlerweile kicke ich dort nur noch selten. Aber wenn Bedarf ist, helfe ich aus." Im Oktober will er einen weiteren Lebensabschnitt beginnen, ebenfalls mit sportlicher Komponente: "Ich möchte anfangen zu studieren. Sport, Politik und Gemeinschaftskunde auf Lehramt, wenn möglich in Freiburg." Dort lebt er in einer WG.

Gemeinsam Platz drei beim Weltcup in Dresden

Bis es soweit ist, widmet er sich ganz der Aufgabe, seinen Biathlon-Schützling zu ziehen und Tag für Tag zu verbessern. Ein halbes Jahr nach Beginn der Zusammenarbeit sagt Wunderle: "Zwischen uns hat sich eine Freundschaft entwickelt. Wir reden über alles Mögliche, in den Gesprächen geht es nicht nur um Sport."

Auf der persönlichen Ebene passt es also. Sportlich bleibt Luft nach oben. "Kurzfristig müssen wir auf jeden Fall daran arbeiten, Nicos Schießleistung zu stabilisieren. Da hat er im Training bislang noch zu viele Fehler geschossen", erklärt Wunderle. Die ersten Früchte der Zusammenarbeit hat das Duo geerntet. In Dresden, beim Para-Ski-Nordisch-Weltcup, schaffte es Nico Messinger auch dank Wunderle erstmals aufs Siegerpodest und wurde Dritter. Ein erster kleiner Schritt Richtung Paralympics 2022 in Peking, dem großen Ziel des Freiburg-Todtnauer Biathlon-Tandems.