Forschung

Wie gefährlich ist die indische Corona-Variante B.1.617?

dpa

Von dpa

Di, 20. April 2021 um 18:56 Uhr

Panorama

Corona-Varianten sorgen für Aufsehen. Manche sind ansteckender, andere schmälern den Effekt von Impfstoffen. Eine in Indien entdeckte Mutante hat eventuell beide Eigenschaften. Was sagen Forscher?

Eine aus Indien bekannte Variante des Coronavirus wird von Forschern derzeit aufmerksam beobachtet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Robert-Koch-Institut (RKI) und andere Experten bewerten die Variante B.1.617 derzeit zurückhaltend, SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach jedoch wittert Gefahr. In Indien waren die Fallzahlen zuletzt stark gestiegen auf 270 000 registrierte Neuinfektionen pro Tag.

Die Variante B.1.617 stehe unter Beobachtung, für eine Einstufung als "besorgniserregend" fehle bislang aber "die entsprechende Evidenz", so das RKI. "In Deutschland sind insgesamt acht aus dem März stammende Sequenzen der Linie B.1.617 identifiziert worden."



Die Variante trage zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt seien, erläuterte das RKI. Beide würden "mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht, deren Umfang nicht eindeutig ist". Das heißt: Möglicherweise könnten Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein.

Auch bei den in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Varianten wird diese Eigenschaft befürchtet. Beide hat die WHO als besorgniserregend eingestuft. Das gilt auch für die besonders ansteckende, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Variante B.1.1.7, die längst auch in Deutschland die dominierende Art des Erregers ist.

B.1.617 hingegen steht bei der WHO bisher erst unter Beobachtung. Als besorgniserregend gilt eine Variante, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgehen kann, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert, wie eine WHO-Sprecherin erläuterte.

Das indische Gesundheitsministerium hatte Ende März über die sogenannte Doppelmutante berichtet. Wie oft sie bisher vorkommt, kann das Ministerium auf Nachfrage nicht sagen. In einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung hieß es, sie sei inzwischen in Ländern wie Deutschland, Australien, Belgien, Großbritannien, den USA und Singapur zu finden. Eine höhere Übertragbarkeit sei nicht nachgewiesen. Einige Experten in Indien gehen aber davon aus, dass die Variante zu den schnell steigenden Infektionszahlen im Land beitragen könnte.



Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hatte die indische Variante Ende März nicht als Grund zur Beunruhigung gesehen. Richard Neher, der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel, erklärte: Für die neue Variante gebe es nicht viele Daten, sie sei in Europa sehr selten. "Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden", so Neher.

Friedemann Weber, der Leiter der Virologie an der Universität Gießen, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Das ist auf jeden Fall ein Virus, auf das man achten muss." Er sieht aber keinen Grund zur Panik. Selbst wenn ein Impfstoff gegen eine Mutation weniger wirksam sei, heiße das nicht, dass damit die Pandemie von vorn beginne. Die Immunisierung werde nicht wirkungslos sein. "Vor schweren Verläufen schützt sie noch immer", so Weber.

Wegen der Corona-Lage in Indien hat der britische Premier Boris Johnson einen für Ende April geplanten Besuch dort abgesagt. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock kündigte an, Indien auf eine "rote Liste" zu setzen. Reisende, die von Freitag an aus dem Land in Großbritannien eintreffen, müssen die vorgeschriebene zehntägige Quarantäne auf eigene Kosten in einem Hotel verbringen. In Großbritannien wurden nach Angaben vom Sonntag 77 solche Fälle entdeckt.

In Dänemark sind seit März elf Fälle der Variante aufgetreten – bei einer oder zwei zusammenhängender Gruppen. Das sagte ein Virusforscher des Staatlichen Seruminstituts. Er erwartet keine hohe Dunkelziffer, da man in Dänemark so gut wie alle positiven Proben sequenziert.

Dagegen bezeichnete der SPD-Politiker Lauterbach B.1.617 bei Twitter als besorgniserregend. Der Anteil der Variante in Großbritannien wachse schneller als alle anderen Varianten. Dabei gebe es dort auch schon viele Geimpfte. Die Entwicklung bedeute eine besondere Gefahr für Deutschland, weil schon B.1.1.7 "über UK (Großbritannien, Anm. d. Red.) sehr schnell zu uns kam".
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