Weihnachtsferien

Wieso Urlaub zu Hause nicht automatisch erholsam ist – und wie er es doch wird

Theresa Steudel

Von Theresa Steudel

Di, 22. Dezember 2020 um 20:00 Uhr

Kreis Emmendingen

Rechnungen bezahlen, Wäsche waschen, Aufräumen: Wer frei hat und zu Hause ist, arbeitet gern die eigene To-Do-Liste ab. Warum das keine gute Idee ist, erklärt eine Psychologin im Interview.

Der Skiurlaub, ein Ausflug zwischen den Jahren oder die Feiertage bei Verwandten verbringen – das geht dieses Jahr gar nicht oder nur eingeschränkt. Wie man trotzdem in Urlaubsstimmung kommt, hat Theresa Steudel Psychologin Sarah Ginsberg gefragt.

BZ: Frau Ginsberg, ich habe meinen Urlaub  vor Kurzem  für Erledigungen genutzt. Am Ende war ich nicht wirklich erholt. Woran liegt das denn?
Ginsberg: Wenn wir in den Urlaub fahren, überlegen wir meist sehr genau, wie wir diese Zeit nutzen wollen, das beginnt mit der Entscheidung für den Urlaubsort.

Beim Urlaub zu Hause versäumen wir dies im Vorfeld häufig. Sich vorab Gedanken darüber zu machen, was uns guttun würde und was wir uns für unseren Urlaub wünschen sowie ausreichend Freiräume einzuplanen, kann helfen.

"Die Aufgaben sollten realistisch sein"

Wer doch Dinge erledigen will, sollte kleine Projekte auswählen, am besten solche, die Abwechslung zum üblichen Alltag bringen. Wer viel am PC arbeitet, entspannt sich möglicherweise bei handwerklicher Arbeit. Die Aufgaben sollten konkret formuliert werden und realistisch sein, damit sie ein klares Ende haben und Erfolgserlebnisse möglich sind. Es ist also besser, sich vorzunehmen, das Altglas wegzubringen, als von sich zu erwarten, im Urlaub den ganzen Keller aufzuräumen. Gerade bei Aufgaben, die uns schwerfallen, kann es motivieren, danach eine Selbstbelohnung einzuplanen – zum Beispiel ein Mittagessen to Go aus dem Lieblingsrestaurant.

BZ: Wir erleben den  zweiten Lockdown, vielen fällt die Decke auf den Kopf. Wie kommt man dann in Urlaubsstimmung?
Ginsberg: Wer im Home Office gearbeitet hat, sollte den Arbeitsplatz freiräumen. Den Nachrichtenkonsum auf ein bis zwei Mal täglich reduzieren und in der Dauer begrenzen, seriöse Quellen nutzen sowie medienfreie Zeiten einplanen, fördert ebenfalls die Entspannung.

BZ: Was machen wir die restliche Zeit? Viel bleibt zu Hause ja nicht mehr übrig.
Ginsberg: Sich trotz der aktuellen Einschränkungen vorhandene Handlungsspielräume bewusst zu machen und diese zu nutzen sowie für Abweichungen vom Alltag zu sorgen, steigert das Wohlbefinden. Das kann man erreichen durch ein entspanntes Frühstück, einen veränderten Tagesablauf, einen Richtungswechsel beim Spaziergang, das Ausprobieren eines neuen Rezeptes oder eine virtuelle Museumstour. Mit Freunden und Familie trotz Lockdown in Kontakt bleiben, in die Natur gehen oder Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen durchzuführen, sind weitere wirksame Methoden.

"Schon kleine Veränderungen können helfen, aus dem Autopiloten rauszukommen"

BZ: Also Yoga, Atemtechniken  und Meditation?
Ginsberg: Diese Techniken sind sehr hilfreich, erfordern allerdings Übung. Was wir auch ohne Vorerfahrung gut in den Alltag integrieren können, sind kleine Achtsamkeitsübungen. Ziel hierbei ist es, den aktuellen Moment wertfrei wahrzunehmen und zu beschreiben, um so mit unserer Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt zu kommen. Man kann achtsam ein Plätzchen essen, indem man versucht, bewusst wahrzunehmen, wie es riecht, schmeckt und aussieht, anstatt es nebenbei zu essen. Oder man kann achtsam die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt anschauen. Viel zu oft nehmen wir den gegenwärtigen Moment nicht wahr, da wir mit unseren Gedanken in der Vergangenheit oder Zukunft sind, beim Gespräch mit unserem Chef oder bei den Erledigungen, die später am Tag noch anstehen. Schon kleine Veränderungen können helfen, aus dem Autopiloten rauszukommen.
Sarah Ginsberg (40) ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Verhaltenstherapie. Sie hat eine Praxis in Emmendingen.

BZ: Woran merke ich denn, wenn ich mir gerade nicht wirklich Ruhe gönne?
Ginsberg: Oft stehen uns die eigenen Ansprüche und Erwartungen an uns selber im Weg und wir erlauben uns erst Pausen, wenn alles erledigt ist. Das merke ich zum Beispiel daran, dass ich mich auch im Urlaub gestresst fühle, gereizt oder unzufrieden bin und nicht abschalten kann. Sich zu erlauben, Dinge auch mal liegen zu lassen, neben Corona auch über andere wichtige Lebensbereiche zu sprechen sowie Verständnis für uns und Andere zu haben, unterstützen uns dabei, freie Tage Zuhause trotz Pandemiebedingungen als Ressource zu erleben.