"Wir sind viel näher dran"

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 10. Januar 2021

Handball 2. Bundesliga

Interview mit Trainer Ralf Wiggenhauser über die Handballerinnen der HSG Freiburg.

Die aktuelle Spielzeit läuft für die Zweitliga-Handballerinnen der HSG Freiburg durchwachsen. Ralf Wiggenhauser steckt mit seinem Team im Tabellenkeller fest. Ein Gespräch mit dem angehenden A-Trainer und Realschullehrer am Dreikönigstag – über Corona, Abstiegskampf und die unglückliche Verletzung seiner Ehefrau.

Der Sonntag: Herr Wiggenhauser, Feiertag nach den Feiertagen: Wo erwischt man Sie?

Wiggenhauser: In der Schule. Bei mir zu Hause streikt seit drei Monaten das Internet. Ich bin hier, um den Fernunterricht von kommender Woche an vorzubereiten. Und ich muss den Hospitationsbericht für meine A-Trainerausbildung fertigstellen.
Der Sonntag: Wo haben Sie denn hospitiert?

Bei Daniel Eblen und den Zweitliga-Handballern der HSG Konstanz.
Der Sonntag: Die ebenfalls im Abstiegskampf stecken.

Genau darum geht es: Führungsverhalten in sportlichen Krisensituationen. Daniel hat dort einige Dinge während meiner Hospitation ausprobiert, um aus der zuvor schlechten Lage herauszukommen.
Der Sonntag: Werden Sie das auch bei Ihrer HSG anwenden?

Man pickt sich raus, was passt. In Konstanz haben sie beispielsweise die Videobesprechung umgestellt. Nun laufen die in Kleingruppen ab, was die Spieler entlasten soll und sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren können.
Der Sonntag: Nach zehn Spielen steht Ihr Team auf dem vorletzten Platz. Wie steht es um Ihre Gemütslage?

Als Fan des Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln muss ich da an Udo Lattek denken: Der hat einmal gesagt, dass in Köln alles geil ist – außer die Spiele.

Der Sonntag: Will heißen?

Die Spielerinnen trainieren toll, alle geben sich Mühe und ziehen gut mit. Da aufgrund der Corona-Beschränkungen ohnehin derzeit wenig zu tun ist, haben wir eine so gute Trainingsbeteiligung wie sonst noch nie in den 15 Jahren, seit ich Trainer bin.
Der Sonntag: Apropos Corona. Sie haben wiederholt gesagt, dass Sie kein großer Fan davon sind, dass die HSG weiterspielt?

Mit der zweiten Bundesliga der Frauen stehen wir am unteren Ende des Profisports. Und mit der HSG am unteren Ende des unteren Endes. Natürlich werden wir mittlerweile getestet, aber wenn wir immer noch durch die ganze Republik fahren bei den aktuellen Zahlen, da nimmt das schon groteske Züge an.
Der Sonntag: Auch vergangene Saison steckte das Team im Abstiegskampf, bevor der Abbruch durch Corona den Klassenerhalt rettete. Ist das Team besser geworden?

Aus meiner Sicht ja. Von den zehn bisherigen Spielen haben wir in immerhin neun Partien eine Spielhälfte gewonnen. Das beschreibt es eigentlich ganz gut. Wir sind viel näher dran als vergangene Saison, aber um zu punkten, dürfen wir nicht solche Tiefschlafphasen einbauen wie zuletzt.
Der Sonntag: Besonders nach der Halbzeit scheint das Team zu schlafen.

Das jüngste Spiel gegen Kirchhof war das Paradebeispiel. Wir spielen eine tolle erste Hälfte, wir führen – und bekommen dann nach der Pause einen 0:7-Lauf und verlieren mit einem Tor Differenz 22:23. Das ist immer derselbe Film. Gegen Kirchhof, einen direkten Abstiegskonkurrenten, war das schon frustrierend und ein echter Tiefschlag.
Der Sonntag: Wo hapert es konkret – in der Offensive oder in der Defensive?

Die Defensive war schon vergangenes Jahr unser Prunkstück. Wir stehen da eigentlich besser. Und unsere Torhüterinnen Svenja Wunsch mit ihren 20 und Salomé Kuß mit gerade einmal 16 Jahren sowie Deborah D’Arca machen wirklich einen tollen Job. Doch unsere Stammtorhüterin fehlt uns schon.
Der Sonntag: Lena Wiggenhauser, die auch Ihre Frau ist. Sie fällt das ganze Jahr aus. Was ist passiert?

Vier Tage nach unserer Hochzeit und kurz vor unseren Flitterwochen ist sie von einer Leiter gefallen und hat sich den zweiten Lendenwirbel gebrochen. Sie musste operiert werden und fällt die gesamte Saison aus.
Der Sonntag: Und offensiv?

Da waren wir zum Saisonstart mit mehr Tempo unterwegs und haben mehr Tore gemacht. Momentan aber sind wir wieder etwas langsamer und zögerlich. Daran arbeiten wir. In Rebecca Dürr fällt momentan zusätzlich noch unsere Mittelspielerin monatelang aus, das schmerzt.
Der Sonntag: Vielleicht helfen ja die Tricks der Konstanzer.

Genau. Zuletzt hat die HSG ja zweimal knapp gewonnen. Natürlich kann man das nicht genau kopieren. Aber schaden tut es sicher nicht.
Das Gespräch mit Ralf Wiggenhauser führte Jakob Schönhagen.