Schweden

Wir wissen nicht, wie hoch die Gesamtzahl der Corona-Toten am Ende sein wird

Reinhard Hahn

Von Reinhard Hahn (Ettenheim)

Sa, 09. Mai 2020

Leserbriefe

Zu: "Experiment am lebenden Objekt", Beitrag von Franz Schmider (Politik, 22. April)
Das schwedische Modell, mit der Pandemie umzugehen, mit dem Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger" zu vergleichen, ist eine Beleidigung für die Schweden. Während die unbeschränkte Autogeschwindigkeit eindeutig lebensfeindlich ist, ist die Lage bei den Pandemie-Maßnahmen weit weniger eindeutig: Wir wissen tatsächlich noch nicht, wie die relative Gesamtzahl der Corona-Toten am Ende der Pandemie dort wie hier sein wird. Wir wissen auch nicht im Detail, welche unserer Maßnahmen welchen Effekt auf den Verlauf der Pandemie hat.

Wir wissen aber, dass die bei uns eingeführten Maßnahmen ganz erhebliche Nebenwirkungen haben und noch über lange Zeit haben werden: ruinierte Existenzen, Zunahme an häuslicher Gewalt, Einbruch der Weltwirtschaft, Benachteiligung von Schülern aus sozial schwachen Verhältnissen, Entwicklungsstörungen bei Jugendlichen, denen der Kontakt zu ihresgleichen fehlt, menschenunwürdiges Leben und Sterben einsamer alter Menschen, gravierende Einschnitte in die Trauerarbeit, fehlende Aufmerksamkeit für andere drängende Probleme wie Klima, Kriege, Flüchtlinge et cetera. Und all dies wird sich mit Sicherheit auch in einer höheren Mortalität auswirken.

Ähnliche Auswirkungen wird es allein durch den wirtschaftlichen Einbruch weltweit geben. Wenn wir dies alles berücksichtigen: Könnte es dann sein, dass Schweden doch die menschlichere, liebevollere Strategie verfolgt?

Wir brauchen einen Expertenrat, in dem auch Epidemiologen, Pathologen, Soziologen und Volkswirte eine Stimme haben, damit Politiker in der Lage sind, gute Entscheidungen zu treffen. Für die gravierenden Grundrechtseinschränkungen, die wir sechs Wochen nach den ersten Maßnahmen immer noch erleben, sind die bisherigen Begründungen meiner Meinung nach viel zu wenig fundiert. Reinhard Hahn, Ettenheim