"Zum Frühstück schon Kimchi essen"

Ida Hess und Marlen Goetz, Klasse 4c, Grundschule Denzlingen

Von Ida Hess, Marlen Goetz, Klasse 4c & Grundschule Denzlingen

Fr, 01. April 2022

Zisch-Texte

ZISCH-INTERVIEW mit Anja Hirschmüller, Mitglied des Medizinischen Komitees des Internationalen Paralympischen Komitees.

Was ist die Aufgabe einer Ärztin bei den Paralympischen Winterspielen? Und wie war es dieses Jahr in Peking? Die Zisch-Reporterinnen Ida Hess und Marlen Goetz aus der Klasse 4c der Grundschule in Denzlingen sprechen im Interview mit der Freiburger Sportmedizinerin Anja Hirschmüller darüber, wie die Spiele hinter den Kulissen ablaufen. Sie ist die Leitende Ärztin des Leistungssports des Deutschen Behindertensportverbandes und war dieses Jahr Mitglied des Medizinischen Komitees des Internationalen Paralympischen Komitees bei den Paralympischen Winterspielen in Peking.

Zisch: Was war Ihre Aufgabe in Peking?
Hirschmüller: Normalerweise bin ich bei den Paralympischen Spielen die Mannschaftsärztin des deutschen Teams und für die Gesundheit der Athletinnen und Athleten, aber auch für die der anderen Mannschaftsmitglieder, zuständig. Dieses Mal hatte ich eine andere Aufgabe als sonst, denn ich war als Mitglied der Medizinischen Kommission des Internationalen Paralympischen Komitees vor Ort. Wir haben sichergestellt, dass die medizinischen Voraussetzungen für die behinderten Sportler optimal sind und so zum Beispiel gewährleistet wird, dass die Rennstrecken gut abgesichert sind und Unfälle vermieden werden können.

Zisch: Welche Vorbereitungen waren vor der Abreise zu treffen?
Hirschmüller: Im Vorfeld der Paralympics haben wir für die Athletinnen und Athleten mehrere Informationsveranstaltungen abgehalten, auch zu Gesundheit und Hygiene und zu den Corona-Testbestimmungen vor der Einreise nach China. Alle Teilnehmer der Spiele mussten zwei Corona-Tests machen, vier und drei Tage vor dem Abflug. Außerdem mussten wir natürlich die Medikamentenversorgung vor Ort planen. Alle eingeführten Medikamente mussten vorab angemeldet und genehmigt werden.

Zisch: Wie viele paralympische Sportlerinnen und Sportler waren im deutschen Team?
Hirschmüller: In diesem Jahr waren es 24 Athleten und Athletinnen, davon 18 Sportler mit Behinderung und sechs Begleitläufer.

Zisch: Welche Art von Behinderung haben die Sportlerinnen und Sportler?
Hirschmüller: Es gibt vier große Behinderungsgruppen: Querschnittslähmung, Sehbehinderungen, Extremitätenbehinderungen und Erkrankungen des Nervensystems. Die sehbehinderten Athletinnen und Athleten absolvieren ihre Wettkämpfe immer mit einem Begleitläufer, Sportlerinnen und Sportler mit Amputationen sind oft mit Prothesen versorgt und die querschnittsgelähmten Athleten bestreiten die Wettkämpfe sitzend.

Zisch: Gibt es Wintersportarten, die mit manchen Behinderungen nicht möglich sind?
Hirschmüller: Ja, es gibt zum Beispiel kein Eiskunstlaufen und keinen Sport in der Halfpipe, auch kein Bob- und Schlittenrennen bei den Paralympischen Spielen. Es sind nur sechs der olympischen Winterdisziplinen vertreten, das sind Langlauf, Biathlon, Snowboarden, Skifahren, Curling und Eishockey. Beim Eishockey sitzen die Sportler in Sitzschlitten.

Zisch: Wie waren die Sportlerinnen und Sportler untergebracht?
Hirschmüller: Üblicherweise sind die Athletinnen und Athleten sowie ihre direkten Betreuer gemeinsam im paralympischen Dorf untergebracht. Dort gab es mehrere Hochhäuser, die den einzelnen Mannschaften zugeordnet und auch entsprechend mit den Flaggen dekoriert worden waren. Dort war dann neben dem ganzen deutschen Team auch das Mannschaftsbüro untergebracht, das für die Organisation vor Ort zuständig war, sowie das Pressebüro und die medizinische Zentrale. Dieses Mal waren es, wie bei den Olympischen Spielen, drei Dörfer, auf die die Athleten je nach Disziplin verteilt wurden. Alle drei Dörfer und die Wettkampfstätten sowie die Hotels, in denen das Internationale Paralympische Komitee untergebracht wurde, waren in einer sogenannten Blase, beziehungsweise einem geschlossenen Kreis, aus dem man nicht herausdurfte. Da das deutsche Team keine Eishockey- und Curling-Mannschaft dabei hatte, wurden wir nur auf zwei der drei Dörfer verteilt, zum einen die nordischen Sportlerinnen und die Snowboarder in Zhangjiakou, die alpinen Skiläufer in Yangqing.

Zisch: Was war bei den diesjährigen Spielen wegen Corona besonders?

Hirschmüller: Schon bei den Vorbereitungen war es wichtig, dass alle Athletinnen und Athleten gegen Corona geimpft sind, da sie sonst, ohne eine dreiwöchige Quarantäne, nicht hätten einreisen dürfen. Zusätzlich waren vor dem Abflug zwei negative PCR-Tests gefordert und dann noch einer bei der Ankunft. Zudem mussten sich alle Sportler und Betreuer täglich testen lassen. Am schwersten war es für die Athletinnen, dass es kaum Zuschauer vor Ort geben hat und dass man sich nur innerhalb der Blase bewegen durfte. Bestimmt hätten sich einige gerne ein bisschen in Peking und Umgebung umgeschaut und zum Beispiel die bekannte Chinesische Mauer besucht.

Zisch: Wie lief ein Tag im paralympischen Dorf ab?
Hirschmüller: Nach dem Aufstehen haben die meisten als Erstes in einer der Corona-Teststationen den Test absolviert. Danach sind sie in eine große Mensa gegangen, die den ganzen Tag rund um die Uhr geöffnet war und in der es eine große Auswahl an asiatischem und europäischem Essen gab. Wenn man mochte, konnte man dort auch schon zum Frühstück Kimchi essen oder Croissants um Mitternacht, wenn man Hunger hatte. Nach dem Frühstück ging es dann zu den Trainings- und Wettkampfstätten. Die alpinen Skirennläufer konnten aus dem Dorf sogar direkt mit der Gondel auf den Berg fahren. Wer keinen Wettkampf hatte, konnte im Dorf regenerieren oder im Kraftraum trainieren. Zudem gab es regelmäßige Teambesprechungen und Physiotherapieanwendungen. Die Sportlerinnen und Sportler konnten auch ihre Teamkolleginnen und -kollegen bei ihren Wettkämpfen anfeuern und nach der offiziellen Medaillenzeremonie am Abend, gab es oft einen kleinen Empfang, um die Gewinner zu feiern. Das Abendessen wurde normalerweise früh eingenommen, da sich die Athleten für die Wettkämpfe des nächsten Tages ausruhen mussten. Das Funktionsteam, das heißt sowohl wir Ärztinnen und Physiotherapeuten als auch die Pressemitarbeiter, hatten dann noch einen langen Abend vor sich, da sie die Sportler behandelt haben, die sich Verletzungen zugezogen hatten. Meistens hatten die Pressebüromitarbeiter den längsten Tag, da sie noch Artikel schreiben mussten.

Zisch: Was waren die Aufgaben der Ärztinnen und Ärzte im paralympischen Team?
Hirschmüller: Natürlich war es das Wichtigste, unsere Sportlerinnen und Sportler gesund zu halten, beziehungsweise so schnell wie möglich gesund zu machen, wenn sie sich verletzt hatten oder krank geworden sind. Wir hatten vor Ort eine kleine medizinische Zentrale, für die wir alle wichtigen Medikamente aus Deutschland mitgebracht hatten. Wir hatten auch Untersuchungsgeräte dort, zum Beispiel ein tragbares Ultraschallgerät. Das Besondere bei Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung ist, dass sie häufiger krank werden und Verletzungen oder Krankheiten schlimme Folgen haben können. Daher muss man als medizinisches Personal im paralympischen Team auch andere Dinge bedenken als bei Sportlern ohne Behinderung.

Zisch: Was ist der Unterschied zwischen Olympia und der Weltmeisterschaft?
Hirschmüller: Olympische Spiele finden nur alle vier Jahre statt, also sind sie für die meisten Sportlerinnen und Sportler wirklich das ganz große Highlight. Außerdem herrscht bei den Olympischen Spielen eine besondere Atmosphäre, dadurch dass es ein gemeinsames olympisches Dorf gibt, in dem alle Nationen zusammen sind. Bei den Weltmeisterschaften haben die Teams oft unterschiedliche Hotels und sie sehen sich meist nur bei den Wettkampfstätten. Bei Olympia ist alles viel familiärer und der olympische Gedanke zählt: "Dabei sein ist alles und alle gehören zur paralympischen Familie."