Skandinavien

300.000 Schweden gehen nun auf die Elchjagd

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 06. September 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

In dem skandinavischen Land hat die Jagdsaison begonnen. Kritik gibt es keine – auch weil die Zahl der Elche sonst immer mehr zunehmen würde.

STOCKHOLM. Deutsche lieben Elche, Schweden essen sie. Seit dieser Woche ist die traditionelle Elchjagd in dem Land eröffnet. An dem Volkssport nehmen jährlich bis zu 300 000 Jäger teil. Darunter auch Kinder, Greise und immer mehr Frauen. Kritik gibt es nicht.

300 000 Schweden auf der Pirsch in den nordischen Wäldern. Das erinnert vielleicht an die Wikinger-Ära, aber passt nicht so ganz in das Bild der zurückhaltenden Neuzeitskandinavier. Doch seit dieser Woche ist die traditionelle Elchjagd zunächst für Nordschweden eröffnet. Sämtliche Landesteile folgen in den kommenden Wochen. Im Gegensatz zu deutschen Touristen, die sich damit begnügen, die Elche anzugucken und über deren "Elchliebe" ein wenig herablassend gewitzelt wird, verspeisen die Schweden die Vierbeiner lieber. Oft werden Köttbullar aus ihnen gemacht, kleine Fleischklöße. In einigen Regionen dürfen zeitgleich auch Bären geschossen werden.

Insgesamt werden in dieser Jagdsaison bis Ende Januar voraussichtlich rund 50 000 Elche offiziell getötet. Pro getötetem Elch muss je nach Region eine Gebühr bezahlt werden, in der nördlichen Region Norrbotten sind es umgerechnet 40 Euro, nur 10 Euro für ein totes Elchkalb. Die Elchjagd ist in Schweden durch alle sozialen Schichten ein beliebter Volkssport. "Es ist ein richtiges Volksfest", schwärmt ein Sprecher des Jägerverbandes.

Auch viele Kinder folgen den Eltern in Jagdmontur, mit Funkgerät und Ohrenschutz. Ältere Jahrgänge zwischen 60 und über 90 lassen sich diesen Lebenskitzel nicht entgehen. Sie stellen knapp die Hälfte aller Jäger. Im Zuge der Gleichberechtigung hauchen auch immer mehr Frauen dem wegen seiner Größe als "König des Waldes" bezeichneten Elch das Leben aus. Bis zu 20 Prozent sind Jägerinnen, je nach Ort. Für ganz Schweden waren 2018 sieben Prozent Jägerinnen.

Auch Schwedens König Carl XVI. Gustaf gilt als Elch-Jagdfan. Und selbst in den Lokalzeitungen wird darüber berichtet und älteren Jägern über 90 auch schon mal zur Erlegung besonders stattlicher Exemplare gratuliert. Kochrezepte werden dargeboten und Lebensgeschichten von Jägern und anderen erzählt.

Während die Wolfsjagd in Schweden für Kritik sorgt, weil der Fortbestand der Wölfe als gefährdet angesehen wird, ist das mit den Elchen anders. Der Jagdverband und die Jagdaufsicht unterstreichen, dass es zu viele Elche in Schwedens Wäldern gibt. Von deren natürlichen Feinden, den Bären und Wölfen, gibt es hingegen immer weniger. Wenn die Elchzahl nicht jedes Jahr reduziert würde, gäbe es gewaltige Probleme. Vor allem kommt es immer wieder zu Unfällen auf Landstraßen, bei denen Elche vor Autos laufen.

Bei Zweidritteln aller Autounfälle in Schweden sind laut Schätzung des Automobilverbandes Wildtiere involviert. 2017 wurden 5941 Unfälle gemeldet, die angeblich von Elchen verursacht worden sind. Etwas seltener, aber doch regelmäßig kommen jedes Jahr auch Zwischenfälle mit betrunkenen Elchen vor. Die Tiere lieben herbstlich gegorenes Fallobst, Äpfel etwa. Ähnlich wie Zweibeiner werden einige der scheuen Tiere vom Alkohol dann aggressiv, randalieren manchmal in Vorgärten und einmal sogar in einem Altersheim. Das kann bei ihrer körperlichen Masse tatsächlich zu gefährlichen Situationen führen.

Das musste Ingemar Westlund erleben. Pünktlich zur Elchjagd 2019 hat er ein Buch über seine im Lande bekannte Geschichte herausgebracht. 2008 hatte ein Elch seine Frau Agneta (63) getötet. Ingemar, damals schon 68, zweifacher Vater, und mehrfacher Großvater, hatte sie gefunden – und wurde danach als Hauptverdächtiger verhaftet. Seine Freunde wendeten sich von ihm ab, mitten in der Trauer um seine Frau. Noch bei ihrer Beerdigung war er der Hauptverdächtige.

Es dauerte eineinhalb Jahre, bis aufmerksame Ermittler dann endlich das Unglaubliche feststellten: Ein aggressiver Elch und nicht Ingemar hatte Agneta getötet, durch Stöße mit dem Elch-Geweih und Tritte und Getrampel mit den Beinen. Schwedische Elche können schließlich bis zu 600 Kilogramm schwer werden und sind manchmal so groß wie Pferde. Experten warnten in dieser Woche zum Beginn der Elchjagd auch in den großen Landesmedien eindringlich: "Kommt dem Elch nicht zu nahe. Er könnte betrunken sein."