Ab jetzt müssen wir einfach nur wollen

Veit Cornelis

Von Veit Cornelis (Freiburg)

Sa, 12. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Haben wir es geschafft?", Beitrag von Katja Bauer und Norbert Wallet (Die Dritte Seite, 28. August)

Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland. Und Deutschland wiederum versteht sich nach Jahrzehnten der Aushandlung zunehmend als Einwanderungsland – was sich auf der Grundlage jeder Statistik nicht nur als zutreffend, sondern auch als notwendig erweist.

Dass Menschen nach Europa und schließlich nach Deutschland kommen, ist ein Fakt. Dass es aufgrund der globalen Lebensverhältnisse (zum Beispiel aufgrund von Kriegen wie 2015) zu Jahren mit erhöhter Zuwanderung kommt, ist naheliegend. Wir können und müssen uns auf diese Dynamik der globalen Migration vorbereiten.

Viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens haben dies bereits getan. Das zivilgesellschaftliche Engagement schafft durch kurzfristige Projekte verschiedene Möglichkeiten. Aber um auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts in Bezug auf die Migration vorbereitet zu sein, braucht es mehr als das. Es müssen nachhaltige Ziele formuliert werden, welche die Tatsache der Zuwanderung anerkennen. Es braucht solidarische Unterstützungsangebote für jene, die heute ankommen und morgen bleiben – auch für deren Familien.

Es braucht die gesellschaftliche Diskussion um Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, um den alltäglichen Ressentiments offensiv zu begegnen. Es braucht Anerkennung aller Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten, als vollständige Teilnehmende der Gesellschaft.

Wir müssen davon wegkommen, dass wir etwas abschließend geschafft haben. "Wir schaffen das" – das ist keineswegs die Leitformel der Migrationsdebatte, sondern deren historische Denkfigur. Ab jetzt müssen wir einfach nur wollen.
Veit Cornelis, Freiburg