Guinness-Buch-Rekord

Äthiopien pflanzt 353 Millionen Bäume

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Do, 01. August 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Äthiopien will das Land der Umwelt zuliebe neu aufforsten. Für den neuen Guinness-Buch-Rekord pflanzten die Einwohner 353 633 660 Setzlinge – auch der Regierungschef war mit dabei.

ADDIS ABEBA/JOHANNESBURG. Bäumepflanzen ist im Guinness-Buch der Rekorde als Disziplin schon seit längerem vertreten. Ausgelobt wurde bereits die Kategorie, wie viele Bäume ein Mensch in 24 Stunden pflanzen kann (15 170), wie viele Bäume ein Team von 300 Pflanzern in einer Stunde in die Erde zu buddeln vermag (847 275) oder wie viele Palmen ein Staat in zehn Jahren kultiviert hat (42 Millionen). Doch nun hat Äthiopien der Pflanzer-Disziplin die Baumkrone aufgesetzt: Einwohner versenkten in zwölf Stunden 353 633 660 Setzlinge im Boden.

Bislang hielt der indische Bundesstaat Uttar Pradesh diesen Rekord: Dort wurden vor zwei Jahren im selben Zeitraum 66 Millionen Sprösslinge von 1,5 Millionen Freiwilligen in der Erde verteilt. Für den neuen Weltrekord scheute die Regierung in Addis Abeba keinen Aufwand. Mehr als 1000 Örtlichkeiten waren ausgesucht worden, in die Beamte mit eigens entwickelter Software zum Zählen entsandt wurden. Sämtliche Schulen und öffentlichen Ämter des ostafrikanischen Staates blieben am Wettbewerbstag geschlossen, damit genügend Hände zur Verfügung standen. Auch Regierungschef Abiy Ahmed machte sich die Finger schmutzig: Er setzte in der südäthiopischen Stadt Arba Minch eine nicht näher genannte Anzahl von Akazien aus.

Mit mehr als 100 Millionen Einwohnern ist Äthiopien der zweitbevölkerungsreichste Staat Afrikas. Rein rechnerisch musste also jeder Äthiopier nur dreieinhalb Bäume pflanzen, um den Rekord Wirklichkeit werden zu lassen. Die montägliche Aktion war Teil des Regierungsprogramms "Green Legacy" (grünes Vermächtnis), in dessen Rahmen bis Oktober sogar vier Milliarden Bäume ausgesetzt werden sollen.

Insgesamt will die Mannschaft um Premierminister Abiy bis nächsten Jahres 150 000 Quadratkilometer neu bewalden – ein Gebiet so groß wie Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen zusammen. Bis vor 120 Jahren war Äthiopien noch bis zu einem guten Drittel mit Wald bedeckt. Inzwischen sind es nicht einmal mehr vier Prozent. Verantwortlich für das Baumsterben war nicht zuletzt das Wachstum der Bevölkerung. In den vergangenen 60 Jahren haben sich die Äthiopier verfünffacht und entsprechend mehr Weide- und Ackerflächen sowie Brennholz in Beschlag genommen.

Inzwischen wissen die Verantwortlichen in Addis Abeba jedoch, wie wichtig Bäume sowohl für die Landwirtschaft wie das Allgemeinwohl der Bevölkerung sind. Sie spenden Schatten, halten den Boden feucht und die Erosion in Schach. Werden sie vorsichtig genutzt, können Bäume jahrelang Früchte, Futter, Brennstoff, Bauholz und sogar Heilmittel liefern. Gemeinsam mit 20 anderen afrikanischen Staaten hat sich Äthiopien zum Ziel gesetzt, eine Million Quadratkilometer aufzuforsten – ein Gebiet von der dreifachen Größe Deutschlands.

Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich gaben kürzlich das Ergebnis einer Studie bekannt, wonach weltweit Gebiete einer Gesamtfläche von 300 Millionen Quadratkilometern ungenutzt sind, auf der Bäume wachsen könnten. Würden dort tatsächlich welche gepflanzt, könnten sie ein Drittel allen Kohlendioxids aufnehmen, das die Menschheit seit der Industriellen Revolution in die Atmosphäre geblasen hat und den heutigen CO2-Gehalt damit um 25 Prozent senken. Schon heute nehmen Bäume rund ein Drittel des freigesetzten Kohlendioxids auf – jährlich mehr als drei Milliarden Tonnen.

Den Schweizer Forschern zufolge könnte der Klimaerwärmung am effektivsten mit dem Pflanzen von Bäumen begegnet werden: Eine Billion Bäume würden die gesamte Menge des in den vergangenen 25 Jahren freigesetzten Kohlendioxids aufnehmen. Bei ihrem jetzt an den Tag gelegten Tempo bräuchten die Äthiopier dafür gerade mal 2857 Tage, nicht einmal acht Jahre.

Kritiker warfen dem äthiopischen Premierminister allerdings vor, mit der Aktion lediglich von seiner scheiternden Politik ablenken zu wollen. Bei seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr hatte Abiy eine grundlegende Reform seiner politisch und wirtschaftlich erstarrten Heimat angekündigt. Doch jetzt droht seine Perestroika in blutigen Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterzugehen. Was jedoch schlecht daran sein soll, wenn der Regierungschef von solchen Konflikten ablenkt und die Rettung der Menschheit ins Visier nimmt, haben seine Kritiker nicht weiter ausgeführt.