Als ein Seufzer Schlittschuh lief

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 25. September 2019

Klassik

Mit einem Jubiläumsabend feierte das Raschèr Saxophone Quartet sein 50-jähriges Bestehen im Freiburger Konzerthaus.

Sein 50-jähriges Bestehen feierte das Raschèr Saxophone Quartet (RSQ) standesgemäß: mit viel Musik in einem vom neuen, 2018 gegründeten Förderverein ausgerichteten Jubiläumskonzert. Im Freiburger Konzerthaus erklangen Werke von Bach bis zur Gegenwart. Jüngster Beitrag war die zum Gedenken an den im Mai verstorbenen Baritonsaxophonisten Kenneth Coon entstandene Novität "Buddy’s Soul", dieses Opus von Steffen Schorn, das auf der aktuellen CD "Was Weite Herzen Füllt" (BZ vom 20. September) enthalten ist. Jener feinfühlig den Jazz involvierende Klagegesang zur Erinnerung an das langjährige Ensemblemitglied, dem das Konzert postum gewidmet war.

Was an diesem Abend unter dem Motto "Aufbruch – Tradition – Zukunft" präsentiert wurde, bewies vor allem eines: Der Musikbegriff bei den international renommierten Raschèrs kennt keine Grenzen etwa stilistischer und formaler Natur, sondern tendiert stark in Richtung Ganzheitlichkeit. Ginge es darum, das Schönste des reichhaltigen Werkreigens präzis zu benennen – die Antwort würde keine Sekunde auf sich warten lassen. Es war die wunderbare Art, wie das Raschèr Quartet Bach spielte: den Contrapunctus IX aus der "Kunst der Fuge" des Leipziger Thomaskantors. Wie da in der Doppelfuge über ein neues Thema und das Hauptthema die vier Stimmen ihre Bahn zogen, in sich autonom und doch kunstvoll ineinander verwoben: Christine Rall (Sopransaxophon), Elliot Riley (Altsaxophon) Andreas van Zoelen (Tenorsaxophon) und Oscar Trompenaars (Baritonsaxophon) führten es exemplarisch und wohlig vor. Davon hätte man gern mehr gehört.

Auf Bachs finalen D-Dur-Klang folgte unvermittelt der Kontrast: das Dissonante bei Iannis Xenakis’ "XAS". Hochdruckmusik, die von Spitzen bis zur Tiefe, das an eine Schiffssirene gemahnende Tuten, so ziemlich alles im Köcher hat. Wie überhaupt das wie selbstverständliche Nebeneinander des Disparaten die Philosophie des Abends prägte, der mit Teil IV aus dem Concerto for Saxophone Quartet des Minimalisten Philip Glass (in der Soloversion) ungebremst begonnen hatte.

Bunt wurde das Bild, als die leicht kostümierte Mädchenkantorei des Freiburger Münsters die Szene betrat. Den Galgenliedern in der Vertonung von Lera Auerbach nach Gedichten Christian Morgensterns galt es, ein Forum zu bereiten. Wobei die 1973 geborene russisch-amerikanische Komponistin höchstpersönlich die Leitung hatte. Bisweilen skurrile, keinesfalls humorfreie Texte der Sorte "Ein Seufzer lief Schlittschuh". Ungewöhnlich rasch unterwegs war indes die (sic!) "Schildkrökröte". Die vier Saxophone kolorieren, kommentieren und liefern Intermezzi. Der filigrane und doch stets machbare Vokalpart in der Fassung für Kinderchor lebt von den frischen Stimmen. Beachtlich war das Niveau der Solistinnen. Der Chor absolvierte ein Bewegungsprogramm, das beinah an entsprechende Usancen des instrumentalen Theaters denken lässt. Die von Domkantorin Martina van Lengerich einstudierte Mädchenkantorei war mit Freude zugange und zeigte eine starke Leistung.

Für die Interpretation der gefälligen Preludes op. 63 für Saxophonquartett und Streichorchester mit Schlagzeug des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say trat Dennis Russell Davies ans Dirigentenpult. Vier Sätze mit literarischem Hintergrund reihen sich aneinander. Die Saxophone sind weniger Solisten, sondern mehr exquisite zusätzliche Farben. Die fitten Streicher (das Kammerorchester der Freunde des RSQ teils mit bekannten Freiburger Musikern) kredenzten eine runde Sache – über Ostinati hinaus gewürzt mit Percussion-Dreingaben unter anderem von Christian Dierstein.

Etwas für die Seele war auch dabei: Arvo Pärts "Vater unser", jenes Klanggebet, bei dem Konsonanz und Durterz noch nicht obsolet sind. Das Raschèr Saxophone Quartet demonstrierte den ganzen Abend sein fulminantes Können: homogen, warm, virtuos. Gut, dass wir diese Top-Formation haben!