Angeheuert für die Stasi

Mechthild Blum

Von Mechthild Blum

Do, 04. Februar 2021

Literatur & Vorträge

Grit Poppes Romane über Heimerziehung in der DDR – und Umerziehung in Kanada.

Willkür und Gewalt in der staatlichen Kinder- und Jugenderziehung waren in den vergangenen Jahren immer wieder Thema von Grit Poppe, einer in der DDR an der Ostsee geborenen Schriftstellerin, die mit ihren Romanen große Beachtung fand: Ob in der DDR, wo Jugendliche in sogenannten Jugendwerkhöfen zur sozialistischen Persönlichkeit (um-)erzogen werden sollen und wie in "Verraten" sogar zum Dienst in der Stasi erpresst wurden. Oder in Kanada, wie in "Alice Lillebird", wo den Kindern der Cree, einem indigenen Volk Nordamerikas, das Indianische ausgetrieben werden sollte, "to kill the Indian in the child", wie es hieß. Diese als Internat betriebenen Umerziehungsschulen existierten 1876 bis 1996.

Beide Romane basieren auf historischen Fakten, die Grit Poppe akribisch mit Hilfe von Akten und Publikationen recherchierte, aber auch in persönlichen Gesprächen mit Ehemaligen. Für "Verraten" hat sie sich intensiv mit den Schicksalen minderjähriger Stasi-Spitzel beschäftigt. Entstanden ist eine eine mitreißende Geschichte über Macht, Widerstand, Vertrauen und Liebe. Sebastian zum Beispiel: Er ist im Heim gelandet, weil seine Oma, die sich nach dem Tod seiner Mutter um ihn gekümmert hatte, ins Altersheim musste. Seinen Vater hatte er seit Jahren nicht gesehen. Als ausgerechnet der ihn zu sich nach Berlin holt, ist er für Sebastian ein Fremder, einer, der kein Wort zu viel mit ihm spricht, vielleicht auch zu viel Alkohol trinkt.

Wie anders begegnet ihm dieser "Herr Möller", der ihn schon im Heim aufgesucht hatte: verständnisvoll, scheinbar empathisch, jovial, auf Augenhöhe. Dafür will er nur eine "kleine Gegenleistung": nichts als ein paar Informationen über dies und das. Und ja, auch über den Vater. Die rebellische Katja, die ebenfalls schon oft in diesem Durchgangsheim, einer Art Kindergefängnis, gelandet war, flüchtet zu Sebastian, der sich von da an um sie kümmert. Es entspinnt sich eine sehr zarte, behutsam erzählte Liebesbeziehung.

Grit Poppe erzählt wechselweise aus der jeweiligen Perspektive der Jugendlichen, was uns die Charaktere der Figuren und ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten sehr nahe bringt. Das gelingt ihr auch in "Alice Littlebird", wo sie abwechselnd Alice, die in dem Heim nur noch Nr. 47 gerufen wird, und ihren Bruder Terry zu Wort kommen lässt. In der Black Lake Residential School werden dem elfjährigen Mädchen als erstes die Haare abgeschnitten, sie muss Anstaltskleidung tragen, muss ausschließlich Englisch sprechen. Und die Rabenfrau, wie die strenge Nonne in ihrer schwarzen Ordenstracht heimlich genannt wird, befiehlt ihr, diesen Gott am Kreuz anzubeten, den sie nicht kennt. Eine für Kinder traumatisierende Situation, aus der zu entkommen den Geschwistern auf wunderbar abenteuerliche Weise gelingt.

"Verraten" ist ein zeitloser Roman über das Heranwachsen in einem totalitären Staat, "Alice Littlebird" ein Roman, den man auch auf aktuellen Berichte wie die über Chinas Umerziehungslager für Uiguren anwenden kann. Beide sind Dokumente einer schwarzen Pädagogik, wie sie selbst in der Bundesrepublik Deutschland bis in die 2000er Jahre in bestimmten Heimen üblich war – wie etwa der Haasenburg GmbH die noch 2013 für Schlagzeilen sorgte.

Grit Poppe: Alice Littlebird. Roman. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 238 Seiten, 15 Euro. Ab 11.
Grit Poppe: Verraten. Roman. Dressler Verlag, Hamburg 2020. 336 Seiten, 12 Euro. Ab 14.