Corona-Lesergeschichten

Auch Alleinerziehende von Teenagern verdienen eine Würdigung

Julia Menke aus Freiburg

Von Julia Menke aus Freiburg

Do, 21. Mai 2020 um 19:01 Uhr

Liebe & Familie

In der Zeitung lese ich Berichte über Alleinerziehende in Zeiten von Corona. Berichte, in denen ich – eine Alleinerziehende – mich nicht wiedererkenne.Gibt es mich nicht in dieser Welt?

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Julia Menke, 42 Jahre, aus Freiburg.

In der Zeitung lese ich Berichte über Alleinerziehende in Zeiten von Corona. Berichte, in denen ich – eine Alleinerziehende – mich nicht wiedererkenne. Und ich frage mich: Gibt es mich nicht in dieser Welt?

Es wiederholt sich die Geschichte der alleinerziehenden Mutter eines einzelnen Kita-Kindes, bei dem es nicht auf das nächste Zeugnis ankommt, und das sich noch im Kuschelalter befindet.

Die Berichte ziehen mich an, ich klicke, ich lese, ich höre, auf der Suche nach Geschichten wie meiner. Ich finde eine Sendung über "Held*innen des Alltags". Wieder eine Alleinerziehende mit Einzelkind und familiärer Unterstützung. Wieder frage ich mich: Gibt es uns nicht?

Dabei möchte ich die Schwierigkeiten anderer Frauen keinesfalls schmälern. Doch was ich mir wünsche, ist, von all den Frauen zu lesen, die sich nicht nur um eines, sondern um mehrere Kinder kümmern. Kinder, deren Bedürfnisse unterschiedlicher nicht sein könnten. Kinder, bei denen es auf das nächste Zeugnis oder gar den Schulabschluss ankommt. Kinder, die nicht mehr im Kuschelalter sind, sondern ihre Wände mit Ariana Grande plakatieren und "Zutritt nur für Teenager" auf ihre Zimmertür schreiben. Kinder, die glauben, mit einem Auftritt bei "The Voice-Kids" berühmt werden zu können, und dann die Schule eh nicht mehr zu brauchen. Kinder, deren jüngere Geschwister immer dann "Mama hilf mir mit dem Einmaleins!" schreien, wenn man dem Teenager gerade zu erklären versucht, was gebrochene rationale Funktionen sind (ohne es selbst recht zu wissen).

Und Frauen, die zwischen Haushalt, Homeoffice, rationalen Funktionen und dem Einmaleins nicht dazu kommen, selbst zu frühstücken. Frauen, bei denen die regelmäßige Hilfe durch die Großeltern nicht wegfällt, sondern nie da war. Frauen, für die Kindergarten und Schule vor Corona die einzige Unterstützung waren, die es je gab. Frauen, die in beengten Wohnverhältnissen in Flüchtlingsheimen leben. Frauen ohne jegliche Unterstützung durch den Vater. Frauen, die als Alleinerziehende zusätzlich noch Rassismus ausgesetzt sind. Frauen, die selber krank sind, und dennoch 24 Stunden am Tag betreuen müssen. Frauen, die chronisch kranke Kinder versorgen müssen. Warum hat sie keiner zur Heldin des Alltags ernannt und ihre Geschichte erzählt?

Der Prototyp der Alleinerziehenden scheint die (weiße) Frau mit dem süßen, kleinen Kita-Kind zu sein. Ihre Vielfältigkeit kommt in der medialen Darstellung nur selten vor.

Hoffnungsvoll begebe ich mich erneut auf die Suche. Ich finde eine Veröffentlichung des Bundesministeriums für Familie: 33 Prozent der alleinerziehenden Mütter kümmern sich um mehr als nur ein Kind. Es gibt uns also doch, und wir sind – leider – keine kleine Gruppe. Eigentlich groß genug für Zeitungsgeschichten...

Derweil bemühe ich mich, meine eigene Corona-Geschichte zu einem Happy End zu führen. Der Teenager lernt nicht so viel über gebrochene rationale Funktionen, wie er vielleicht sollte. Dafür übt er nun jeden Tag eine Stunde Gitarre. Mit dem Einmaleins beim jüngeren Kind klappt es inzwischen schon ganz gut. Und auch wenn ich von den vielen Alleinerziehenden, die mehr als ein Kind versorgen müssen, nur selten in der Zeitung lese, weiß ich, dass auch wir unseren Kindern zu Corona-Zeiten etwas geben, was durch professionelle Betreuung ohnehin nicht ersetzt werden kann: Dass wir sie mehr lieben als alles andere auf der Welt, und dass kein Virus dem je ein Ende setzen wird.
Erzählen auch Sie uns Ihre Corona-Geschichte!
Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichten schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Corona-Geschichte. Schicken Sie den Text (gerne mit Foto) per Mail an lesergeschichten@badische-zeitung.de. Einsendeschluss ist Sonntag, 7. Juni 2020.