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Eine Osterhasengeschichte

Auf einer Lichtung, tief unter der Erde

  • Do, 09. April 2020, 14:44 Uhr
    Neues für Kinder

     

Diese Osterhasengeschichte hat uns der neunjährige Mitya Mutschler aus Ebringen geschickt. Er ist Drittklässler in der Waldorfschule in Freiburg-Rieselfeld und hat gerade das Schreiben für sich entdeckt.

Die wollten sich wohl verstecken. Ganz gelungen ist es ihnen nicht...  | Foto: drubig-photo  (stock.adobe.com)
Die wollten sich wohl verstecken. Ganz gelungen ist es ihnen nicht... Foto: drubig-photo  (stock.adobe.com)
Mityas Mutter erzählt, dass er mehrere Tage lang an der Geschichte gearbeitet hat: "Über Tage war der Daumen tintenblau."

Jetzt geht’s aber los:

Kapitel 1
Es war an einem Sonntag, als ich dem Osterhasen begegnet bin. Aber ich möchte alles von vorne erzählen.
Ich heiße Mitya und bin im Moment neun Jahre alt. Ich sage "im Moment", weil man ja nicht ewig neun Jahre alt bleibt.

Aber jetzt zur Geschichte. Es war, wie gesagt, an einem Sonntag, als ich dem Osterhasen begegnete und natürlich Ostern. Wir waren, wie jedes Ostern, auf unserem Lieblingsberg. Als wir ankamen, machten wir erst einmal ein Feuer. Dann kamen nach und nach unsere Verwandten und Freunde. Irgendwann fragte ich, ob ich jetzt die Ostereier suchen dürfte. Meine Mutter sagte, dass es noch zu früh wäre. Ich sah es ein, denn ich glaubte an den Osterhasen, und ich wollte den Osterhasen auf gar keinen Fall beim Ostereier-Verstecken stören.

Nach einer Weile, als das Gequatsche der Erwachsenen mir schon richtig auf die Nerven ging, sah ich etwas Blaues im Gebüsch glitzern. Ich rief sofort: "Da funkelt etwas im Gebüsch." Die Erwachsenen guckten auf und meine Mutter sagte: "Na dann, flitz’ mal schnell hin und schau, was es ist." Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen und flitzte los. Als ich am Gebüsch angekommen war, sah ich etwas. Es war ein leuchtendes Osterei!

Kapitel 2
Ich griff ins Gebüsch und zog es heraus. Da sah ich noch etwas: ein paar lila Ohren ... es war ein großer, in lila Alupapier gewickelter Osterhase! Ich freute mich wahnsinnig, denn einen so großen Schokoosterhasen findet man nicht immer. Ich rannte zurück zum Feuer und holte mir einen Beutel. Nun standen auch die Erwachsenen auf. Ich flitzte wieder in den Wald und steckte alles, was ich an den und unter den Wurzeln fand in meinen Beutel.

Ich ging immer weiter in den Wald. Die Stimmen der Erwachsenen waren schon lange nicht mehr zu hören. Auf einmal merkte ich, wie unheimlich es war. Deswegen erschrak ich auch, als eine lispelnde Stimme sagte: "Du bist doch der Junge, der mir eine Möhre ins Osternest gelegt hat."

Ich drehte mich um und sah einen ungewöhnlich großen Hasen mit großen braunen Augen und einem schönen braunen Fell. Ich sagte stotternd: "Wer bist du?" Der Hase legte den Kopf schief, guckte mich skeptisch an und sagte dann: "Na, nun denk doch mal nach." "Bist du etwa der Osterhase?" "Wer soll ich denn sonst sein? Der König von Rom?", lispelte der Osterhase. "Und wieso kannst du sprechen?", fragte ich. "Na, ein Osterhase muss doch mit den Hauszwergen reden können, was sich die Kinder wünschen. Denn die Hauszwerge können die Botschaften der Eltern der Kinder lesen. "Stimmt", sagte ich "das muss ein Osterhase können." "Ja", sagte der Hase, "aber nenn’ mich einfach Henry." Auch wir wollen ihn jetzt Henry nennen. Ich fragte: "Und bekommt dich jeder zu sehen?" "Nein", sagte Henry "aber ich dachte, du würdest dich freuen, wenn ich dich in unsere Osterhasenwelt führe. Ich bringe dich auch wieder zurück."

Kapitel 3
"Habt ihr denn eine eigene Welt?", fragte ich. " Ja, das haben wir allerdings", sagte Henry. "Na dann, komm ich mit Freuden mit", sagte ich. " Aber wie kommt man denn in diese Welt?" " Das wirst du gleich sehen", sagte Henry. "Folge mir einfach."

Henry führte mich einen steilen, mit Laub bedeckten Hang hoch. Dann zog er mich hinter einen Baum und sagte: "Nun pass mal gut auf." Dann zog er an einer Wurzel.

Zuerst war ein leises Knacken zu hören, dann schob sich wie von Zauberhand ein Stück Boden zur Seite und ein Loch kam zum Vorschein. Weiter unten war ein leichter Lichtschimmer zu sehen. Henry sagte: "Steig mir einfach nach!" Er stieg voraus.

In die Erdwände waren Stufen eingehauen. Als wir unten angekommen waren, befanden wir uns in einem Gang, der weiter vorne eine Biegung machte, hinter der der Lichtschimmer vordrang. Wir gingen um die Biegung und befanden uns plötzlich auf einer kleinen, mit frischem Gras und Blumen bedeckten Lichtung, die von Tannen umgeben war. Über uns wölbte sich ein blauer Himmel. Ich war so betroffen von dieser Märchenwelt, dass ich zuerst gar nichts sagen konnte.

Schließlich sagte Henry: "Das verschlägt dir ganz schön die Sprache." "Ja", sagte ich. "Aber nun mal weiter, du willst doch unsere Osterwerkstatt sehen!" "Na, klar", sagte ich. "Na dann mir nach!"

Er führte mich über die Lichtung. Kurz vor den Tannen hielt er plötzlich inne und sagte: "Ich habe dich ja ganz vergessen zu fragen, wie du heißt!" "Stimmt! Besser gesagt, ich habe mich vergessen vorzustellen.
Ich heiße Mitya." "Mitya", sagte Henry, "das ist ein schöner Name."

Wir gingen weiter. Als wir den Tannenwald um die Lichtung durchquert hatten, führte mich Henry einen kleinen Pfad entlang. Schließlich machte der Pfad eine scharfe Kurve und wir standen an dem Rand einer großen Wiese. Mitten auf der Wiese standen Tische, Bänke und Stühle. An diesen saßen Dutzende von Hasen. "Na, wie gefällt es dir?", sagte Henry. "Unglaublich", sagte ich.

Wir gingen näher an die Tische. Kaum sahen mich die anderen Hasen, ruckten und zuckten sie enger aneinander. "Ihr braucht keine Angst zu haben! Er heißt Mitya und ist sehr nett", sagte Henry. Die Hasen guckten mich ein bisschen skeptisch an, als Henry mich auf einen freien Platz auf einer der Bänke führte. Dann setzte er sich neben mich, nahm ein Ei aus einer der Schachteln und drückte es mir in die Hand. "Nun hab deinen Spaß am Malen!"Henry schob mir einen Pinsel hin. Ich nahm den Pinsel und tunkte ihn in eines der Farbtöpfchen, die auf dem Tisch standen. Wir malten und tupften die Eier an bis zum Abend.

Dann fiel mir ein, dass meine Eltern ja schon lange auf mich warten würden. Bestimmt suchten sie mich schon. Ob sie noch auf dem Berg waren an der Feuerstelle? Ich sprang auf. Henry schrak neben mir zusammen und sagte: "Mitya, was ist denn los?" "Meine Eltern warten bestimmt schon lang auf mich." "Stimmt", sagte Henry, "wir müssen sofort los. Daran habe ich gar nicht gedacht. Wir waren so vertieft im Malen."

Henry nahm eine Tasche unter dem Tisch hervor und reichte sie mir. "Hier, da sind deine wohlverdienten Osterhasenschätze drin." "Danke", sagte ich, "und dann auch noch eine ganze Tasche voll!" "Tja, du hast ja uns auch geholfen, die Eier anzumalen. Aber jetzt müssen wir uns sputen. Bald wird es dunkel." "Auf Wiedersehen!", rief ich. "Auf Wiedersehen", riefen die Hasen zurück, "und danke, dass du uns beim Eieranmalen geholfen hast!"

Nach der Verabschiedung rannten wir, so schnell wir konnten, den kleinen Pfad entlang zu dem Tannenwald, der die Lichtung umgab. Als wir uns durch den Tannenwald durchgeschlagen hatten und endlich auf der Lichtung angekommen waren, legten wir erstmal eine kleine Pause ein, um endlich einmal richtig Luft zu holen. Dazu legten wir uns einfach ins Gras und beobachteten, wie die Sonne hinten am Horizont unterging.

Als wir ein paar Minuten gelegen waren und unser Atem sich etwas beruhigt hatte, standen wir auf und liefen zu dem Hügel, aus dem wir herausgekommen waren.

Kapitel 4
Henry zog wieder an einer Wurzel und das Loch wurde sichtbar. Wir krochen hinein. "Henry", sagte ich, "sehen wir uns eigentlich wieder?" "Natürlich sehen wir uns wieder", sagte Henry. "Immer, wenn du auf diesem schönen Berg bist und an diese Stelle kommst."

Wir stiegen aus der Bodenöffnung. "Genau an dieser Stelle sehen wir uns wieder." "Aber ich habe doch nicht die Zauberkraft, die Wurzel aus der Erde zu zaubern. Und wenn man nicht an der Wurzel zieht, dann tut sich nicht diese Erdklappe da auf." "Das ist richtig", sagte Henry, "aber wenn ich dir einfach einen Teil meiner Zauberkraft gebe, dann würdest du es schaffen, die Wurzel hervorzubringen." "Und wie geht das?", fragte ich. "So", sagte Henry und nahm meine Hand und legte sie auf die Wurzel und murmelte einen Spruch. Ich sah ihm ehrfürchtig zu. Als er zu Ende gesprochen hatte, sagte ich: "Und jetzt habe ich auch einen Teil der Magie in mir." "Ja", sagte Henry, "probier’s nur aus!" Henry fuhr über die Wurzel und sie verschwand.

Nun fuhr ich über die Stelle, wo die Wurzel vorher gewesen war, und siehe da! Die Wurzel tauchte unter meiner Hand wieder auf. "Funktioniert ja super!", sagte ich. Henry lächelte. Dann sagte er: "Nun wird es aber wirklich Zeit, dass du wieder nach Hause kommst." "Ja", sagte ich, "wir müssen uns leider hier trennen."
Wir umarmten uns, dann verschwand Henry in dem Erdtunnel. Ich rief noch hinterher: "Auf Wiedersehen!" "Auf Wiedersehen, Mitya!", rief Henry von unten. Dann schloss sich das Erdloch.

Ich rannte den Abhang hinunter, dann über den Hügel. Ich bremste scharf ab, so dass ich fast auf meinen Hintern geplumpst wäre. Und tatsächlich brannte noch das Lagerfeuer. "Mama, Papa!", rief ich. Meine Eltern und die anderen drehten sich um. Ich rannte auf das Feuer zu. Meine Eltern kamen mir entgegen und zerquetschten mich fast. Und Mama und Papa redeten durcheinander. Nach der stürmischen Umarmung gingen wir ans Feuer und ich musste alles erzählen. Danach sagte meine Mutter: "Na, da hast du aber ganz schön was erlebt." Als ich endlich zu Hause in meinem Bett lag, dachte ich: "Das, was ich an diesem Tag erlebt habe, hat vielleicht noch nie jemand erlebt." Dann schlief ich ein und träumte von den Abenteuern, die Henry und ich erleben könnten.

Ressort: Neues für Kinder

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