Ausbrechender Wahnsinn

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

So, 03. November 2019

Kultur

Der Sonntag Gespenstergeschichte und Psychodrama: The Turn of the Screw im großen Haus.

Mit Benjamin Brittens Oper "The Turn of the Screw" bringt das Freiburger Theater am Samstag, dem 9. November, ein selten gespieltes Werk auf die Bühne, das mehrere Besonderheiten aufweist. Intendant Peter Carp führt Regie, Gerhard Markson dirigiert.

Das für die Biennale Venedig entstandene, 1954 uraufgeführte Werk komponierte Benjamin Britten für ein Kammerensemble mit 13 Instrumentalisten. Neben den Streichern gibt es einfach besetzte Holzbläser, ein Horn, eine Harfe, Schlagzeug und ein Klavier sowie eine Celesta zu hören. Die Rollen der beiden Waisenkinder Miles und Flora werden in Freiburg von Mitgliedern des Mädchen- und Knabenchores Cantus Juvenum Karlsruhe übernommen.

Aber auch die Geschichte selbst ist für eine Oper ungewöhnlich. "Die literarische Vorlage von Henry James ist sensationell. Die Oper ist eine Mischung aus Gespenstergeschichte und Psychodrama. Man kann das sehr unterschiedlich erzählen, auch als die Geschichte eines ausbrechenden Wahnsinns. Es gibt viele Unterstellungen und Verdachtsmomente. Ich mag solche nicht geklärten Rätsel", sagt Regisseur Peter Carp.

Eine junge Gouvernante (Solen Mainguené) soll sich um die beiden Waisenkinder Miles und Flora kümmern, die auf einem Landsitz in England leben. Dort angekommen erweist sich die Idylle schnell als Ort der Unsicherheit. Der gestorbene Diener Quint (Joshua Kohl) spukt ebenso herum wie die frühere ebenfalls tote Gouvernante Miss Jessel (Inga Schäfer). Gemeinsam mit der Haushälterin Mrs. Grose (Judith Braun) versucht die Gouvernante, die Geheimnisse zu entschlüsseln. "Die Frage ist, wer diese Geister sieht. Sie werden bei uns nicht in weißen Gewändern auftreten, so viel kann ich schon verraten", sagt Peter Carp.

"Das Thema Sexualität spielt eine große Rolle. Die junge Erzieherin erhält in London den Auftrag, sich um die Kinder zu kümmern, von einem reichen, beeindruckenden jungen Mann. Man kann sich vorstellen, dass sie sich in ihn verliebt. Und dass sich aus unerfüllten erotischen Bedürfnissen diese Geschichte in ihr bildet." Für Carp geht es darin auch um Missbrauch. "Man kann vermuten, dass die Kinder sexuell missbraucht wurden. Aber wenn die Gouvernante auf die Kinder einredet und sie zwingt, diese Gespenster beim Namen zu nennen, ist das für mich auch eine Art Missbrauch."

Die mit einem Prolog beginnende Oper ist in zwei Akte mit jeweils acht Bildern gegliedert und durchsichtig instrumentiert. "Britten hat eine großartige, sehr theatralische Musik geschrieben. Sie kündigt Dinge an, und reflektiert auch, was gerade geschehen ist", sagt Dirigent Gerhard Markson. "Die Komposition läuft in 15 Variationen ab – das ist formal sehr streng. Die Musik wirkt so als Gegenwelt zu der sehr offenen, unentschiedenen Handlung. Britten hat ein festes Gerüst gebaut, das diese Freiheit erst ermöglicht."

Da die Oper sehr dialogisch gebaut ist, muss Markson auf das Timing achten und alle Einsätze geben, damit der Fluss nicht ins Stocken gerät. Als ständige Steigerung nimmt er das Drehen der Schraube aus dem Titel musikalisch aber nicht wahr: "Der Schluss ist minimalistisch. Das Material zerfällt geradezu und hört dann merkwürdigerweise in A-Dur auf. Man kann das auch so verstehen, dass sich die Gouvernante am Ende psychisch in ihre Bestandteile auflöst", so Markson. Für Peter Carp sagt der Titel der Oper viel über ihren Kern aus. "Diese Frau dreht sich in die Geschichte hinein – und die Geschichte dreht sich immer weiter um diese Frau herum. Ihre Wahrnehmung verdichtet die Geschichte bis zu einem Kulminationspunkt. Da gibt es dann kein Zurück mehr."
The Turn of the Screw, Oper von Benjamin Britten. Premiere am Samstag, 9. November, um 19.30 Uhr im Theater Freiburg, weitere Vorstellungen im November und Dezember.