"Lieber Baba, hilf uns schnell!"

Veronica Frenzel

Von Veronica Frenzel

Di, 30. Dezember 2014

Ausland

Der katholische Priester Abba Mussie Zerai ist Eritreer und lebt in der Schweiz – seine Telefonnummer ist die letzte Hoffnung für viele Flüchtlinge auf dem Mittelmeer.

Die SMS leuchtet grün auf dem Telefondisplay, auf Englisch: "Lieber Baba, hilf uns schnell. Wir haben kein Essen, kein Wasser, und der Handyakku ist fast leer." Mussie Zerai wischt sie weg. "35,47/ 16,67, 35. Breitengrad, 16. Längengrad", erklärt er. "Mittelmeer, zwischen Libyen, Malta und Sizilien." Die Nachricht hat ihm am 2. Oktober ein Eritreer geschickt, aus dem Mittelmeer, irgendwo zwischen Libyen, Malta, Sizilien. Ein Bootsflüchtling auf dem Weg nach Europa. Zerai hat die GPS-Daten gleich weitergeschickt, an die Seenotrettung, an die Küstenwachen. Jetzt schaut er auf die Nachricht, eine tiefe Falte teilt seine Stirn. "Wenn ein Boot noch in libyschen Gewässern ist, fühlen sich Italien und Malta nicht verantwortlich. Dann müssen andere helfen." Andere, wie die libysche Küstenwache, von der er weiß, dass sie Migranten nicht gut behandelt.
Der Eritreer ist einer von Tausenden, die in den vergangenen zehn Jahren bei Abba Mussie Zerai Hilfe gesucht haben. Auch er selbst stammt aus Eritrea, ist katholischer Priester und arbeitet derzeit in einer Gemeinde bei Aarau, in der deutschsprachigen Schweiz. Er ist ein kleiner Mann von 39 Jahren; er sieht älter aus. Die Haare sind grau meliert, es sind nicht mehr viele, um die Augen haben sich Falten eingegraben.
Seine Telefonnummer ist seit dem Sommer 2004 so etwas wie die letzte Hoffnung für Bootsflüchtlinge. Sie kursiert unter den Migranten aus Eritrea, Somalia und Äthiopien. Sie steht an Wänden von Flüchtlingslagern in Libyen und an Decks von Flüchtlingsbooten. Jemand hatte die Nummer auch ans Deck des Boots geschrieben, das am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa sank. So erzählte es ein Überlebender des Unglücks, bei dem unmittelbar vor der Insel 366 Menschen ertranken. Der Mann sagte auch, dass er und die anderen Passagiere fest daran glaubten, Mussie Zerai könne ein Rettungsboot schicken, egal, wo sie seien. Das Schiff sank dann aber so schnell, dass niemand mehr Zeit hatte, anzurufen. Die Küstenwache in Italien schätzt, dass er schon 6000 Menschen das Leben gerettet hat, ...

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