"Un-Bekannte Mitbürger"

Ausstellung im Lahrer Stadtmuseum entkräftet Vorurteile gegenüber Geflüchteten

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Fr, 04. Oktober 2019 um 14:17 Uhr

Lahr

Die Ausstellung "Un-Bekannte Mitbürger – Leben und Alltag von Geflüchteten in Lahr" ist noch bis 10. November in Lahr zu sehen. Ein Rundgang

Vorurteile gegenüber Flüchtlingen stechen dem Besucher der Sonderausstellung im zweiten Stockwerk des Stadtmuseums in der Tonofenfabrik schon im Treppenhaus ins Auge: Dass Asylbewerber "uns die Jobs wegnehmen", "Kriminelle, Vergewaltiger, Terroristen" seien, und dass Deutschland schließlich "nicht alle durchfüttern" könne. "Un-Bekannte Mitbürger – Leben und Alltag von Geflüchteten in Lahr" heißt die Ausstellung, die noch bis zum 10. November geöffnet ist.

Um solche Aussagen zu hören oder zu lesen, muss man nicht ins Museum gehen. Um zu erfahren, dass sie nicht stimmen– dazu genügt es, sich mit den Lahrer Neubürgern, die vor allem in den letzten vier Jahren hierhergekommen sind, zu unterhalten, sie kennenzulernen, ihnen zuzuhören.

Mehrere Stationen laden zum Mitmachen ein

Das tun viele Lahrerinnen und Lahrer, unter anderem sehr intensiv die Mitglieder des Freundeskreises Flüchtlinge Lahr, die zusammen mit der museumspädagogischen Abteilung des Stadtmuseums und einigen Geflüchteten eine Sonderausstellung gestaltet haben, in der die Betroffenen ihre Erfahrungen schildern. Informativ ist die Ausstellung, die an verschiedenen Stationen auch zum Mitmachen einlädt, vor allem für Menschen, die bislang keinen Kontakt zu Geflüchteten haben, die in Lahr eine neue Heimat gefunden haben – ob nur auf Zeit oder für immer, das weiß bislang niemand.

Smartphone als einzige Verbindung

Einige Exponate, wie die wenigen Objekte, die Flüchtlinge aus ihrer Heimat oder als Erinnerung an die schwierige Flucht behalten haben, füllen eine Vitrine, die womöglich ältere Besucher mit eigenen Fluchterfahrungen anrührt. Eine traditionelle Haube, Murmeln, durchgelaufene Schuhe – genau solche Dinge finden sich in Ausstellungen über das Schicksal der Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg. In persönlichen Berichten schildern drei Geflüchtete, dass sie zu Beginn ihrer monatelangen Flucht noch mehr dabeigehabt hatten, aber immer mehr zurücklassen mussten, bis auf diese wenigen Objekte, die wichtigsten Dokumente und ihr Smartphone. Dass genau dessen Besitz nun als Beleg für ihren angeblichen Reichtum angesehen wird, können sie nicht nachvollziehen. Schließlich sei es die einzige Verbindung zu Familie und Freunden, die zurückgeblieben sind.

Einblick in einen Wohncontainer

Die Ausstellung arbeitet systematisch gegen gängige Vorurteile an, seien es die finanziellen Hilfen oder die Wohnsituation vieler Geflüchteter. In einem beispielhaft eingerichteten Wohncontainer-Zimmer wird ein Film des Videoclubs Lahr gezeigt, in dem unter anderem der Rektor des Bildungszentrums in Seelbach, Daniel Janka, auf die Situation der Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung eingeht

Wie schwer die deutsche Sprache für Menschen aus dem arabischen Sprachraum zu lernen sein muss, können die Besucher der Ausstellung besser nachvollziehen, wenn sie die Aufgabe zu lösen versuchen, Deutsch (wie Arabisch) von rechts nach links und ohne Vokale zu lesen. Und wer nur mit Mühe seine Steuererklärung ausfüllt, kann am Schreibtisch eines Entscheiders besser nachvollziehen, welche Herausforderung der bürokratische Aufwand eines Asylverfahrens an die Geflüchteten stellt.

Die Ausstellung ist bis 10. November von Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet; Veranstaltungen: 10. Oktober, 19 Uhr: Filmabend: Tragikomödie über das Schicksal eines geflüchteten Jungen; 29. Oktober, 19 Uhr: Foyergespräch mit dem Freundeskreis Flüchtlinge Lahr; Führungen: 26. Oktober, 16.30 Uhr (französisch); 5. und 6. November, 12.10 Uhr (Kurzführungen); 10. November: 11.30 Uhr; Eintritt: Erwachsene 3 Euro, Inhaber Lahrpass 1,50 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und an jedem ersten Sonntag im Monat Eintritt frei.