Premiere

Tosender Beifall für die Festspielgemeinde

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 01. April 2019 um 11:24 Uhr

Bad Säckingen

Das Ensemble hat am Freitag in Bad Säckingen mit seinem Stück "Verzeihung, Herr Premierminister" vor ausverkauftem Haus Premiere gefeiert

Das Treppenhaus ist mit Fähnchen geschmückt, überall hängt der Union Jack. Die Queen schaut von einem Porträt majestätisch auf das Treiben herab. Und Regisseurin Renate Kraus stimmt dazu im Prolog zum Stück "Verzeihung, Herr Premierminister" im ausverkauften Festspiel-Gemeindehaus in Bad Säckingen ein angesäuseltes Trinklied auf das britische Chaos mit Anspielungen auf den Brexit an: "Ach, England..."

Königlich amüsiert hat sich das Publikum bei der Premiere dieser Komödie von Edward Taylor und John Graham, in der es in Downing Street Nr. 10 heiß her geht. Während die Politiker über Sparhaushalt und gesalzene Vergnügungssteuern debattieren, sorgen diverse Damen für delikate Enthüllungen, Skandälchen und amüsante Verwechslungen im Zentrum der Macht. Der Herr Premierminister kommt ganz schön ins Schleudern, weil ein Techtelmechtel vor 25 Jahren ungeahnte Folgen hatte und dieser "Fehltritt" ihn den Job kosten könnte.

In der hinreißend temporeichen, vor originellen Ideen, Situationskomik und Dialogwitz nur so sprühenden Inszenierung von Renate Kraus überbieten sich die Darsteller an pointiertem Spielwitz und komödiantischer Verve. Allen voran läuft Gerald Hacker als Premierminister Venabels, dessen Hang zu Zigarren, Whiskey und attraktiven Damen ihn schwer in die Bredouille bringt, zu ganz großer Form auf. Köstlich, wie er im Anzug mit Pfeife am Schreibtisch thront, eine staatstragende Rede an die Nation hält und den "Kampf gegen das Laster" propagiert.

Wie der Premier zunehmend unter Druck gerät, weil ihn eine Ex-Affäre und eine aufreizende Blondine von den Regierungsgeschäften ablenkt, das spielt Gerald Hacker umwerfend in den hektischen Vertuschungsaktionen und Versteckspielereien.

Als Premier in der Zwickmühle hat er es mit mehreren reizenden Ladys zu tun, die mehr oder weniger leicht bekleidet durch sein Büro geistern. Er versucht, mit allen Tricks seinen Ruf und sein Amt zu retten: Das ist Komödien-Action pur, die die Lachquote nach oben treibt. Als erbitterten und moralinsauren Streiter für Anstand und Sitte gibt Helmut Kaltenbach den Schatzkanzler, der verbiestert und streng die harte Linie der Puritaner durchsetzen will.

Entsetzt muss er mit ansehen, wie der Premier sich einen Scotch aus der versteckten Bar genehmigt und in missverständlichen Situationen mit Damen in Dessous flirtet. Alkohol und Frauen – das ist zu viel für den "puritanischen Miesepeter". Immer wenn es brenzlig wird, muss Detlef Bengs als Parlamentarischer Privatsekretär Rodney seinem Chef zu Hilfe eilen, was der Darsteller sehr sympathisch mit Charme, Diplomatie und staubtrockenem Humor macht.

Ganz groß trumpfen die Damen des Ensembles auf, die das scheinheilige Getue, die Heuchelei und Doppelmoral der Politiker entlarven. Verführerisch und sexy wirkt Sandra Lutz im roten Kleid als Shirley, die Tänzerin in einem Nachtclub ist und sich als uneheliche Tochter des Premiers zu erkennen gibt. Der verdatterte "Daddy" soll die Vergnügungssteuern rückgängig machen, sonst droht das pikante Geheimnis aus seiner Jugend aufzufliegen.

Als elegante Charity-Dame, wunderbar kapriziös, geziert und leicht exzentrisch spielt Hilde Butz die First Lady Sybil, die ständig Blumen arrangiert und sich mehr für die Blutspende-Woche als für die Staatsaffären ihres Mannes interessiert.

"Nackte Puppen in Number 10"

Bühnenwirksame Spannung ins Geschehen bringt Luisa Buckmann als Reporterin Jane von der Fleet Street, die auf der Suche nach einer "Hammer-Story" ist und schon die Skandal-Schlagzeile vor Augen hat: "Nackte Puppen in Number 10".

Dass die jungen Damen miteinander verwechselt werden, das rote Kleid zum Corpus Delicti wird und Shirley einen halben Striptease hinlegt, erhöht noch das turbulente Durcheinander. Zum Gipfel der Verwicklungen platzt Evelyn Marten als lebenslustige Ex-Geliebte des Premiers herein, die ihr "Hasilein" an die verhängnisvolle Romanze erinnert.

Alle Sympathien erobert Anne-Kathrin Ragusa als liebenswert schüchterne Sekretärin Miss Frobisher mit Brille, Dutt und Streifenbluse, die treuherzig ihren Schwarm Rodney anhimmelt und sich vom grauen Mäuschen zur schwärmerischen Verliebten wandelt. Bis zum überraschenden Schluss-Coup kommt das Publikum bei dieser Farce aus dem Lachen kaum heraus und bejubelt das blendend aufspielende Ensemble mit tosendem Beifall und Bravorufen.

Weitere Aufführungen am 5., 6., 7., 12., 13., 14. April, 19.30 Uhr, Festspiel-Gemeindehaus. Karten: Tel. 07761/9987560