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Beethoven-Projekt von hörgeschädigten Schülern scheitert an Corona

Elke Kamprad

Von Elke Kamprad

Mi, 08. April 2020 um 20:00 Uhr

Klassik

Der Komponist Ludwig van Beethoven verlor sein Gehör. Ein Beethoven-Projekt von hörgeschädigten Schülern aus Stegen mit dem Bundesjugendorchester scheiterte jetzt an Corona.

Der junge, erfolgreiche und geniale Ludwig van Beethoven stürzte in die größte Krise seines Lebens, als er begreifen musste, dass er eines Tages nichts mehr hören würde. "Ich bewundere Beethoven", sagt die hörgeschädigte Johanna *. "Er wollte eigentlich nicht mehr leben. Und dann hat er nur wegen der Musik weitergemacht". Die Musik habe ihn sozusagen gerettet. Johanna ist eine von elf hörgeschädigten Schülerinnen und Schülern, die sich im Musikunterricht am Stegener Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Hören (BBZ) mit Beethovens Heiligenstädter Testament beschäftigt haben, also jenem Schriftstück, in dem der Komponist seine ganze Verzweiflung zu Papier brachte.

Die Jugendlichen hatten eine Gebärdenversion des Textes erarbeitet, mit der sie in den Osterferien in Deutschland auf Tour gehen wollten – als Teil einer Kooperation mit dem Deutschen Musikrat, dem Bundesjugendorchester (BJO) und dem BBZ. Doch dann kam das Coronavirus, die Konzerte wurden abgesagt. Es hätte ein großes Projekt werden sollen, und Rebecca hätte mit ihrem Gebärdenauftritt gerne gezeigt, dass sie alle zwar hörgeschädigt seien, aber man mit ihnen prima reden könne, denn die Gebärdensprache sei etwas ganz Normales. Außerdem könnten alle Schüler mit ihren Hörhilfen sehr gut hören und sprechen. Ihre Schule ist lautsprachorientiert, deshalb gehört auch Musikunterricht zum Stundenplan.

Maximilian geht auch in seiner Freizeit gern auf HipHop-Konzerte; auf der Projekttour hätte er gern erlebt, "wie es bei den großen Bühnen backstage aussieht". Außerdem wollte er sich persönlich weiterentwickeln in Bezug auf punktgenau abrufbare Leistungsfähigkeit und Bühnenpräsenz. Wie es sich auf einer Bühne anfühlt, konnten die Jugendlichen bereits erleben. Sie hatten eine Probe des Philharmonischen Orchesters Freiburg mit Beethovens "Eroica" erlebt. Sie saßen mittendrin im Orchester. Rebecca fand es "richtig toll, die Wucht sogar am Stuhl zu spüren, als alle gleichzeitig anfingen zu spielen", ihre Gedanken schweiften dann umher und sie fühlte sich frei, aber wie man normal höre, wüssten sie ja nicht.

Für Franziska war es ein "angenehmes, kräftiges Gefühl", wie wenn jemand sie umarme oder sie in einem weichen Bett liege. Oft sieht sie Bilder vor sich, wenn sie Musik hört, zum Beispiel von einem Mädchen, das über eine Wiese hüpft. Franziska kommt aus einer sehr musikalischen Familie, sie hat zwei Hörgeräte und spielt Klavier und Bratsche. Feinjustierung beim Bratschen funktioniere über ein Stimmgerät, das ihr erst einmal optisch zeige, ob sie sauber spiele. Das Gehirn muss dann den richtigen Ton reproduzierbar abspeichern. Sie würde Beethoven gerne fragen, wie er es machen konnte, sich Töne im Kopf vorzustellen, ohne sie zu hören – "krasse Sache".
Musik über die
Partitur verstehen

Nicole wüsste gerne, ob sich Beethoven auch noch so alleine gefühlt hätte, wenn er in seinem Umfeld einen anderen gehörlosen Menschen gehabt hätte. "Und ob es ihm vielleicht besser gegangen wäre", überlegt Ruth weiter, wenn er die Gebärdensprache für den Alltag und seine Freunde gehabt hätte. Jonas hasst Musik, weil er davon Kopfschmerzen bekommt. Trotzdem wollte er beim Projekt mitmachen, weil er Lust hatte auf Klassenfahrt. Vielmehr noch, er glaubt, dass Beethoven alles tun würde, auch so ein Cochlea Implantat (CI) zu bekommen, wie er es trägt. Franziska widerspricht: "Nein, Beethoven würde ohne CI bleiben", weil die Töne im Kopf durch diese Hörprothese zu "elektronisch" seien. Er würde die Details der Töne vermissen, die er noch aus seiner hörenden Zeit kenne. Das CI würde zu oft quietschen und Störgeräusche produzieren und "Beethoven würde alle Freude an der Musik verlieren", ist sich Franziska sicher.

Musik zu erleben mit Höreinschränkungen, mit Hörhilfen oder ohne, ist ein komplexes und individuelles Thema. Die gehörlose Solo-Schlagzeugerin Evelyn Glennie etwa verlor mit zwölf Jahren fast vollständig ihr Hörvermögen und studierte dennoch Musik in London. Heute gibt sie weltweit Konzerte, ist 2015 von der britischen Königin geadelt worden, hat 30 CDs aufgenommen und gibt Meisterkurse. Glennie sagt: "Der Verlust meines Gehörs hat mich zu einer besseren Zuhörerin gemacht." Und erklärt: "Ich trage heute überhaupt keine Hörgeräte mehr, weil ich meine ganze klangliche Umgebung über den Körper wahrnehme." Komponisten schreiben eigens für sie neue Werke und Orchesterdirigenten wie Mario Venzago stehen gern mit ihr zusammen auf der Bühne: "Es ist jedes Mal ein Erlebnis, mit Evelyn Glennie zu arbeiten, weil sie eine ganz unglaubliche Körpersprache hat. Etwas Tigerhaftes. Sie ist wie eine Katze auf dem Sprung". Punktgenaue Einsätze und Ritardandi – "so etwas ist einfach da", erzählt Venzago begeistert. "Sie hat einfach mehr Sinne. Diese Frau ist ein Phänomen."

Auch der gehörlose Musiker Paul Whittaker ist eine Ausnahmeerscheinung. Er hat in England "Music and the Deaf" gegründet – eine Organisation, die gehörlosen Kindern ein Musikerlebnis eröffnet über Rhythmus, Bodypercussion, Bewegungsspiele und Schwingungen. Wenn er seine Hörgeräte abnimmt, hört er absolut nichts. Musik versteht Whittaker daher über die Partitur: "Ich habe sehr viel Musik im Kopf – einen sehr komplexen Klang." Im Konzert beobachtet er, wie sich Musiker und Dirigent zu den Noten bewegen, die in der Partitur stehen. Und dann passiere "ganz viel" in ihm drinnen, schwärmt Whittaker. Der Zürcher Neurowissenschaftler Lutz Jäncke kommentiert: "Wir haben große Mühe, uns da hineinzuversetzen. Das sind subjektive Angelegenheiten. Es ist aber kein Hören." Das stört den kämpferischen Whittaker überhaupt nicht: "Als ich früher Klavier spielen wollte, haben mich die Leute ausgelacht: ‚Sei nicht dumm, du kannst das doch gar nicht hören.‘"

Aber Whittaker blieb hartnäckig und erlebt Musik eben auf seine ganz eigene Art und Weise. Mozarts Klarinettenkonzert mag Whittaker besonders, aber er ist sich nicht sicher, ob er es auch gerne hören würde: "Denn, wenn ich hören könnte, wäre ich nicht mehr Paul. Ich wäre jemand anderes. Ich hätte nicht diesen wundervollen Job, mit gehörlosen Kindern Musik zu erleben: Egal wohin du gehst – Musik bringt Menschen zusammen. Sie gibt dir Kraft und ist überhaupt das Wundervollste auf der ganzen Welt", sagt der gehörlose Musiker Whittaker.
(* alle Vornamen von der Redaktion geändert)