Ortstermin mit Heike Dorow

Begegnung mit Kuh, Kalb und seltsamen Fördervorschriften

Sylvia Sredniawa

Von Sylvia Sredniawa

Mi, 01. September 2021 um 15:06 Uhr

Gutach im Breisgau

Im Wahlkampf besuchte Heike Dorow (Die Grünen) im Waldkircher Ortsteil Oberspitzenbach – auf einem Bauernhof, wo man sich fast täglich mit Landes-, Bundes- und Europapolitik herumschlägt.

Kilometer um Kilometer zieht sich die Straße vom Elztal durch ein Seitental höher und höher. Erst geht’s durch Katzenmoos, dann Unterspitzenbach, dann werden die Straßen immer schmaler und schmaler, bis man mit maximal Tempo 10 weiter darf: Der Grund dafür sind die Kühe rechts und links der Straße.

Auf dem abgelegenen Hof in Oberspitzenbach – einem Ort mit 400 Jahren Landwirtschaftstradition – begrüßt Landwirtin Beate Roser neben der Bundestagskandidatin der Grünen, Heike Dorow, Landwirtschaftskollegen aus der Umgebung und vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband, Mitglieder des Grünen-Kreisverbandes, den Landtagsabgeordneten Alexander Schoch und den Landwirtschaftsobmann Harald Ebner (MdB). So viel Politiker sieht man hier oben selten, aber, wie sich im Gespräch zeigt, die Politik ist hier oben zwischen Hoftor und Weidezaun täglich präsenter als an manchem anderen Ort: in Form von einer Menge Regularien auf Landes-, Bundes- und Europaebene.

Der Hof, bei dem Beate Roser als Tochter des Hofbesitzer-Ehepaars die einzige Angestellte ist, bewirtschaftet als Vollerwerbsbetrieb 76 Hektar Grünland, 35 Hektar Wald, sechs Hektar Ackerbau sowie Streuobstwiesen. Haupterwerb ist die Milcherzeugung. Die Kühe stehen meist auf der Weide, selbst Jungtiere sind den ganzen Winter über draußen. Einzig im Stall ist eine Kuh, die gerade gekalbt hat, eine weitere wartet auf die Niederkunft. "Wenn sie heute kalbt, nennen wir das Kälbchen Heike", witzelt Beate Roser in Richtung der Bundestagskandidatin.

Heike Dorow ist selber mit Tieren und Landwirtschaft aufgewachsen und hört interessiert zu, was die Landwirte an der Politik bemängeln. Zum Beispiel das Förderprogramm für Gülletröge: Die Vorgaben seien für Kleinbetriebe ungeeignet, die Behälter viel zu groß, der günstigste koste 100 000 Euro, der Ausbringer nochmal 40 000 Euro. Zudem sei das Programm so sehr befristet, dass man selbst bei rechtzeitiger Bestellung die Lieferung wohl erst nach Ablauf der Fristen bekommt. Die Nachfrage treibe die Preise hoch – und fresse damit den Zuschuss auf.

Am besten ohne Förderprogramme auskommen

Wo immer es geht, versuche man daher ohne Förderprogramme zurechtzukommen, sagt Beate Roser. Sie ist froh, dass ihre Eltern die Anbindehaltung im Stall schon vor 30 Jahren aufgegeben haben und die Tiere sich im Tretmiststall frei bewegen können. Heute wäre der Umbau kaum möglich, wegen der Vorschriften ein teurer Neubau fällig. Ein moderner Kuhplatz koste inzwischen 16- bis 18 000 Euro. Die Investitionen lohnen sich für ältere Landwirte kaum noch, vor allem wenn die Nachfolge auf den Höfen unklar ist. Als einer der Landwirte sagt, dass, wenn das Höfe-Sterben so weiter geht, in zehn Jahren keine Milchproduzenten mehr im Schwarzwald sein werden, wirft ihm Dorow "Schummelmathematik" vor. Aber sie ist sich mit ihm und den anderen einig, dass mehr für den ländlichen Raum getan werden muss. Viele Entscheidungen würden zu sehr aus Stadtsicht getroffen und dabei manches vergessen. Junge Menschen, findet Dorow, würden auch oft die Situation bei den Lebensmittelproduzenten gar nicht kennen.

Im Nachgespräch zeigt sie sich beeindruckt, dass es "noch so etwas Gewachsenes gibt, das mit so viel Kopf und Herz angepasst wurde" an die heutigen Gegebenheiten. Das Land sei ein wichtiger Lebensraum, 60 Prozent der Bevölkerung sind dort ansässig. Höfe zu verlieren, bedeute auch, dass "uns der Schwarzwald zuwächst", Lebensmittelproduzenten wegfallen, aber auch Zusammenhalt und Identität verloren gingen.

Gesprächiger wird sie allerdings erst, als es Gelegenheit gibt, ihr großes Thema Daseinsvorsorge in Kombination mit Klimaanpassung darzulegen. In Oberspitzenbach überlässt sie das Wort eher dem Landwirtschaftsobmann und dem Landtagsabgeordneten.